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Die Kunst, einander nicht selbstverständlich werden zu lassen

1. Sept.
8 Min. Lesezeit


Wenn Menschen sich mehr Romantik wünschen, verlangen sie meist keine filmreife Inszenierung. Sie wollen spüren, dass sie im Alltag nicht unsichtbar geworden sind. Was die Beziehungsforschung über Aufmerksamkeit, Begehren und die erstaunliche Bedeutung kleiner Gesten weiß.


Er kommt nach Hause und hält Blumen in der Hand. Rosen, sogar. Noch in Plastik, hastig an der Tankstelle gekauft, nachdem am Vorabend dieser Satz gefallen war: „Ich wünsche mir mehr Romantik.“ Nun steht er da, einigermaßen ratlos, und versteht die Welt nicht mehr. Sie wollte Romantik. Er hat Blumen besorgt. Aufgabe erfüllt. Warum sieht sie trotzdem nicht glücklich aus? Vielleicht, weil Romantik keine Warengruppe ist.


Ein Blumenstrauß kann ausgesprochen romantisch sein. Er kann aber auch nur der materielle Beleg dafür sein, dass jemand auf eine Beschwerde reagiert hat. Entscheidend ist nicht, wo die Blumen gekauft wurden und wie viel sie gekostet haben. Entscheidend ist, welche Botschaft in ihnen steckt: Ich habe dich wahrgenommen – oder: Ich wollte das Problem möglichst schnell erledigen.

Romantik ist nicht das Gegenteil von Alltag. Sie ist der kurze Augenblick, in dem zwei Menschen aufhören, einander bloß als Bestandteil ihres Alltags zu behandeln.


„Männer wollen Sex, Frauen wollen Romantik“ gehört zu jenen Sätzen, die plausibel klingen, solange man nicht zu lange über sie nachdenkt. Ganz aus der Luft gegriffen ist die erste Hälfte nicht: Eine große Meta-Analyse von 211 Studien mit insgesamt mehr als 600.000 Personen kam zu dem Ergebnis, dass Männer im Durchschnitt einen stärkeren Sexualtrieb berichteten als Frauen. Doch auch nach dieser Auswertung überlappten sich die Verteilungen deutlich. Der durchschnittliche Unterschied sagt deshalb wenig darüber aus, was ein bestimmter Mann oder eine bestimmte Frau empfindet – und noch weniger darüber, was in einem konkreten Paar geschieht.

Noch unbequemer für das Klischee ist eine neuere, breit diskutierte Arbeit der Psychologen Iris Wahring, Jeffry Simpson und Paul Van Lange. Die Autoren tragen Befunde dafür zusammen, dass romantische Beziehungen für Männer in mancher Hinsicht sogar wichtiger sein könnten als für Frauen: Männer erwarteten im Mittel mehr Vorteile von einer Partnerschaft, verfügten außerhalb der Paarbeziehung häufig über weniger intime emotionale Unterstützung, trennten sich seltener und litten stärker unter Trennungen. Das ist keine abschließend bewiesene Geschlechterformel; die These hat in der Fachdebatte zu Recht Widerspruch und Differenzierungen ausgelöst. Sie zeigt jedoch, wie wenig die vertraute Aufteilung trägt: hier der körperlich orientierte Mann, dort die romantisch bedürftige Frau.

Das Klischee macht aus statistischen Mittelwerten zwei verschiedene Arten Mensch. Vor allem aber trennt es, was in wirklichen Beziehungen eng miteinander verbunden ist: Begehren, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Sicherheit, Überraschung und das Gefühl, für einen anderen Menschen noch immer von Bedeutung zu sein.

Was mit „Romantik“ häufig wirklich gemeint ist

Die Beziehungsforschung untersucht selten „Romantik“ als einheitliche Größe. Präziser erforscht ist etwas, das ihr erstaunlich nahekommt: die wahrgenommene Responsivität des Partners. Gemeint ist das Erleben, vom anderen verstanden, ernst genommen und umsorgt zu werden.

In einem klassischen Tagebuchprojekt zur Entstehung von Intimität zeigte sich: Persönliche Offenheit allein genügt nicht. Nähe entsteht besonders dann, wenn die Reaktion des Gegenübers als verständnisvoll, bestätigend und zugewandt erlebt wird. Andere Untersuchungen zur Dankbarkeit weisen in dieselbe Richtung. Nicht die korrekte Dankesformel machte den Unterschied, sondern ob die Äußerung beim Partner als ehrlich, fürsorglich und auf ihn bezogen ankam. Das erklärt, weshalb dieselbe Handlung einmal tief berühren und ein anderes Mal beinahe kränken kann. Eine Tasse Kaffee ist banal, wenn sie ohnehin auf dem Weg zur eigenen Maschine entsteht. Sie kann sehr zärtlich sein, wenn jemand weiß, dass der andere vor einem schwierigen Gespräch kaum geschlafen hat. Ein Restaurantbesuch kann großzügig wirken und dennoch leer bleiben. Ein kurzer Umweg zu dem Ort, an dem man sich zum ersten Mal begegnet ist, kann fast nichts kosten und eine ganze gemeinsame Geschichte aufrufen.


Romantisch ist nicht die Größe einer Geste. Romantisch ist ihre Genauigkeit.

Sie sagt: Ich kenne nicht bloß Menschen im Allgemeinen. Ich kenne dich.


Warum Blumen von der Tankstelle scheitern, aber dennoch...

Die Tankstelle ist unschuldig. Auch dort kann der richtige Strauß liegen.

Problematisch wird er erst, wenn das Symbol die Aufmerksamkeit ersetzen soll, für die es eigentlich steht. Rosen sind gesellschaftlich als romantisch codiert. Wer sie kauft, kann deshalb den Anschein einer persönlichen Botschaft erzeugen, ohne selbst eine formuliert zu haben. Das Geschenk delegiert die Denkarbeit an ein kulturelles Standardsymbol.

Aber stellen wir uns eine andere Szene vor: Jemand fährt nachts nach Hause, sieht an der Kasse genau jene gelben Tulpen, über die seine Partnerin am Morgen beiläufig gesagt hat, sie erinnerten sie an den Garten ihrer Großmutter – und nimmt sie mit. Derselbe Ort, ein ähnlicher Preis, eine vollkommen andere Bedeutung. Der Unterschied heißt nicht Luxus, Stil oder Planung. Er heißt: mitgedacht worden sein.


Eine romantische Geste enthält eine kleine Information über den Empfänger. Fehlt diese Information, bleibt oft nur Dekoration.



Langjährige Beziehungen brauchen Routinen. Ohne sie ließe sich das gemeinsame Leben kaum organisieren. Rechnungen müssen bezahlt, Kinder abgeholt, Einkäufe erledigt und Termine koordiniert werden. Die Vorstellung, eine gute Beziehung müsse sich dauerhaft wie ihre ersten Wochen anfühlen, ist nicht romantisch, sondern grausam. Sie erklärt jede Vertrautheit vorschnell zum Verlust.


Gefährlich wird Routine dort, wo sie aus dem vertrauten Menschen eine Funktion macht: denjenigen, der die Steuer erledigt; diejenige, die an Geburtstage denkt; denjenigen, der fährt; diejenige, die das soziale Klima reguliert. Man lebt zuverlässig nebeneinander und wird einander dabei unsichtbar.


Romantik unterbricht diese funktionale Wahrnehmung. Für einen Moment ist der andere nicht Vater, Mutter, Mitorganisatorin, Ernährer, Fahrdienst oder Krisenmanagerin. Er ist wieder die Person, deren Blick man suchte und deren Nähe nicht selbstverständlich war.


Forschung zu gemeinsam erlebter Neuheit stützt diesen Gedanken. Schon ältere Experimente zeigten, dass Paare nach neuen und anregenden gemeinsamen Aktivitäten eine höhere Beziehungsqualität berichteten als nach alltäglichen Aufgaben. Spätere Studien brachten solche „selbsterweiternden“ Erlebnisse zudem mit höherem sexuellen Verlangen und größerer Zufriedenheit in Verbindung.


Das ist kein wissenschaftlicher Auftrag zum Fallschirmsprung. Neuheit kann klein sein: ein Weg, den beide noch nie gegangen sind; ein gemeinsames Frühstück an einem ungewohnten Ort; ein Konzert, dessen Musik keiner kennt; eine Frage, die man sich nach zehn Jahren noch nicht gestellt hat. Entscheidend ist weniger der Event als die Erfahrung, den vertrauten Menschen außerhalb der vertrauten Rollen wiederzuentdecken.



Romantik und Sex sind keine Gegenspieler

Das alte Klischee stellt Romantik und Sexualität wie zwei Tauschgüter nebeneinander: Sie liefert Nähe, er liefert Begehren; beide hoffen, das jeweils andere zu erhalten. Damit beginnt Intimität bereits als Verhandlung.

Tatsächlich kann Romantik eine Form erotischer Aufmerksamkeit sein – allerdings nicht als Vorleistung, die später einzulösen wäre. Wer sich gesehen, begehrt und nicht bloß funktional gebraucht fühlt, begegnet dem Partner anders. Umgekehrt lässt sich emotionale Vernachlässigung nicht durch ein inszeniertes Abendessen überdecken.

Besonders deutlich wird das beim Thema Arbeitsteilung. Zwei Studien mit Müttern in Beziehungen zu Männern fanden Zusammenhänge zwischen einem großen Anteil an der Hausarbeit und geringerem sexuellen Verlangen nach dem Partner. Als vermittelnde Faktoren erwiesen sich das Erleben der Aufteilung als unfair und die Wahrnehmung des Partners als abhängige Person. Solche Befunde gelten nicht unterschiedslos für alle Paare und beweisen keine einfache Kausalkette. Sie machen aber einen wichtigen Punkt sichtbar: Wer den anderen im Alltag alleinlässt, kann die daraus entstandene Distanz nicht zuverlässig mit Kerzenlicht reparieren.

Manchmal wäre die romantischste Geste deshalb nicht der Blumenstrauß, sondern die selbstständig erledigte Aufgabe, an die niemand erinnern musste. Nicht weil Hausarbeit heimlich Erotik wäre, sondern weil Eigeninitiative sagt: Du trägst unser gemeinsames Leben nicht allein.



Für den Empfänger klingt die Forderung oft wie eine Prüfung ohne Aufgabenstellung. Er soll etwas Überraschendes tun, darf aber nicht fragen, was – denn dann, so die Befürchtung, wäre es nicht mehr spontan. Sie wiederum möchte nicht Regie bei der eigenen Überraschung führen. Sobald sie erklären muss, welche Blumen, welches Restaurant und welcher Abend gemeint sind, organisiert sie auch noch die Romantik, die ihr fehlt.


Das Dilemma lässt sich nicht durch Gedankenlesen lösen. Wohl aber durch eine präzisere Sprache. Statt „Ich will mehr Romantik“ könnten Paare einander fragen:

  • Wann hast du dich durch mich zuletzt wirklich gesehen gefühlt?

  • Welche kleine Handlung würde dir zeigen, dass ich auch in deiner Abwesenheit an dich denke?

  • Was soll in unserer Beziehung nicht immer nur von einer Person ausgehen?

  • Welche gemeinsame Erfahrung würde uns aus unseren üblichen Rollen herausholen?

  • Wodurch fühlst du dich begehrt – und wodurch lediglich beansprucht?

Solche Gespräche zerstören Spontaneität nicht. Sie liefern das Wissen, aus dem eine passende spontane Geste überhaupt erst entstehen kann. Wer weiß, was den anderen berührt, hat kein Drehbuch erhalten. Er hat genauer hinsehen gelernt.

Auch feste Rituale sind deshalb nicht unromantisch. Ein verabredeter Abend kann sehr innig sein; eine unangekündigte Überraschung kann rücksichtslos wirken. Entscheidend ist nicht, ob etwas im Kalender stand. Entscheidend ist, ob beide darin als Personen vorkommen.



Auch Männer wollen, dass jemand an sie denkt

Männer äußern den Wunsch nach Romantik möglicherweise seltener in diesem Wort. Manche haben früh gelernt, Verletzlichkeit eher über Sexualität, Handlungen oder Rückzug auszudrücken als über den Satz: „Ich möchte, dass du mich überraschst. Ich möchte mich von dir gewählt fühlen.“ Das bedeutet nicht, hinter jedem sexuellen Wunsch verberge sich in Wahrheit ein Ruf nach emotionaler Fürsorge. Es bedeutet lediglich, dass auch Männer ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Bestätigung und persönlicher Aufmerksamkeit haben – und dass eine Kultur, die diese Bedürfnisse weiblich etikettiert, Männern die Sprache dafür erschwert. Vielleicht hält sich das Klischee auch deshalb so hartnäckig: Frauen wird erlaubt, Romantik zu verlangen, Männern wird erlaubt, Sex zu verlangen. Beiden wird damit nur ein Teil ihres möglichen Begehrens zugestanden. Die kleine Formel der Romantik

Eine universelle Anleitung kann es nicht geben. Was den einen berührt, lässt den anderen kalt. Doch viele gelungene Gesten enthalten vier Elemente:


Aufmerksamkeit: Jemand hat etwas bemerkt.

Spezifität: Die Handlung passt zu diesem Menschen und nicht zu jedem beliebigen Partner.

Eigeninitiative: Sie musste nicht vollständig angeordnet oder erinnert werden.

Zweckfreiheit: Sie ist keine verdeckte Forderung nach Dankbarkeit, Harmonie oder Sex.


Fehlt die Aufmerksamkeit, wird Romantik zur Konvention. Fehlt die Spezifität, wird sie austauschbar. Fehlt die Eigeninitiative, wird sie zur zusätzlichen Organisationsaufgabe. Fehlt die Zweckfreiheit, wird sie zum Handel.


Der Wunsch nach mehr Romantik ist deshalb selten der Wunsch nach mehr Kulisse. Häufig ist er eine unbeholfene Bitte um Gewissheit: Sieh mich noch einmal an. Nicht als festen Bestandteil deines Lebens, nicht als Rolle, nicht als die Person, die ohnehin da ist. Sieh mich als jemanden, den du noch immer auswählst.


Romantik ist die Kunst, dem vertrautesten Menschen für einen Augenblick zu zeigen, dass seine Vertrautheit seinen Wert nicht vermindert hat.

Und manchmal gelingt das sogar mit Blumen von der Tankstelle.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Miriam Eichhorn-Zachariades (2026): Was Frauen meinen, wenn sie sich „mehr Romantik“ wünschen, stern.de, 31. August 2026.

  • Julius Frankenbach et al. (2022): Sex drive: Theoretical conceptualization and meta-analytic review of gender differences, Psychological Bulletin, 148(9–10), 621–661.

  • Iris V. Wahring, Jeffry A. Simpson und Paul A. M. Van Lange (2024/2026): Romantic Relationships Matter More to Men than to Women, Behavioral and Brain Sciences, 49, e88.

  • Jean-Philippe Laurenceau, Lisa Feldman Barrett und Paula R. Pietromonaco (1998): Intimacy as an interpersonal process, Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1238–1251.

  • Sara B. Algoe und Ruixue Zhaoyang (2016): Positive Psychology in Context: Effects of Expressing Gratitude in Ongoing Relationships Depend on Perceptions of Enactor Responsiveness, The Journal of Positive Psychology, 11(4), 399–415.

  • Arthur Aron et al. (2000): Couples’ shared participation in novel and arousing activities and experienced relationship quality, Journal of Personality and Social Psychology, 78(2), 273–284.

  • Amy Muise et al. (2019): Broadening your horizons: Self-expanding activities promote desire and satisfaction in established romantic relationships, Journal of Personality and Social Psychology, 116(2), 237–258.

  • Brett K. Jakubiak (2022): Affectionate touch in satisfying and dissatisfying romantic relationships, Journal of Social and Personal Relationships, 39(8), 2287–2315.

  • Emily A. Harris, Aki Gormezano und Sari M. van Anders (2022): Gender inequities in household labor predict lower sexual desire in women partnered with men, Archives of Sexual Behavior, 51, 3847–3870.


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