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Was Liebe nicht aufhebt

21. Aug.
7 Min. Lesezeit


Elternschaft kann Nähe, Sinn und Glück bedeuten und zugleich erschöpfen, Freiheit kosten oder ungleich organisiert sein. Schwierig wird es, wenn nur eine dieser Wahrheiten ausgesprochen werden darf. Forschung über Care-Arbeit, familiäre Rollen und Elternschaftsreue zeigt, warum ein ehrlicherer Blick auf Familie sie nicht entwertet, sondern ernster nimmt.


Auf einem Familienkalender lässt sich erstaunlich viel Leben unterbringen. Elternabend, Zahnarzt, Fußballtraining, Geburtstag, Klassenfahrt. Was dort steht, ist allerdings nur der sichtbare Teil. Irgendjemand muss bemerken, dass eine Einverständniserklärung fehlt, die Turnschuhe zu klein geworden sind und der Kinderarzttermin mit einer beruflichen Besprechung kollidiert. Jemand muss entscheiden, wer zu Hause bleibt, wenn morgens plötzlich Fieber gemessen wird. Vieles davon geschieht zwischen Abendessen und Wäschekorb.


Vieles wird aus Liebe getan, manches sogar gern. Arbeit bleibt es trotzdem.

Familie wird nicht deshalb falsch beschrieben, weil von Glück, Bindung und Sinn die Rede ist. Diese Erfahrungen sind real. Schwierig wird diese Erzählung dort, wo für andere Erfahrungen kaum noch Platz bleibt: Erschöpfung, ungleiche Arbeitsteilung, verlorene Möglichkeiten, Überforderung oder bei manchen Menschen sogar die rückblickende Erkenntnis, dass sie sich mit ihrem heutigen Wissen nicht noch einmal für Kinder entscheiden würden.


Nach den revidierten Daten der deutschen Zeitverwendungserhebung arbeiten Mütter und Väter mit Kindern im Haushalt insgesamt nahezu gleich viel: Väter kommen durchschnittlich auf 59 Stunden und 9 Minuten pro Woche, Mütter auf 58 Stunden und 56 Minuten. Die Zusammensetzung unterscheidet sich deutlich. Bei Vätern entfällt mehr als die Hälfte auf Erwerbsarbeit, bei Müttern rund zwei Drittel auf unbezahlte Tätigkeiten. Für Frauen und Männer insgesamt lag der Gender Care Gap 2022 nach der revidierten Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes bei 43,4 Prozent.


Daraus lässt sich nicht ablesen, wie ein einzelnes Paar zu seiner Aufteilung gekommen ist. Zeitverwendungsdaten kennen keine Gespräche am Küchentisch. Sie wissen nicht, wer lieber Teilzeit arbeitet, wer mehr verdient, welche Betreuung verfügbar ist und welche Kompromisse bewusst getroffen wurden. Eine asymmetrische Verteilung beweist weder eine schlechte Beziehung noch die Schuld eines bestimmten Partners.

Die Zahlen zeigen keine Motive, wohl aber ein Muster: Die Gesamtbelastung kann nahezu gleich sein, obwohl sie aus sehr unterschiedlichen Arten von Arbeit besteht. Für einen Lebenslauf ist das nicht belanglos. Eine Stunde Erwerbsarbeit und eine Stunde unbezahlte Sorgearbeit dauern gleich lang, führen aber nicht zu denselben Einkünften, Karrierechancen oder Rentenansprüchen. Dass Paare eine solche Verteilung freiwillig wählen können, macht ihre Folgen nicht unwirklich.


Ebenso verkürzt wäre es, Elternschaft hauptsächlich als Verlustrechnung zu erzählen.

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung mit mehr als 43.000 Befragten aus 30 europäischen Ländern verglich Lebenszufriedenheit und Sinnempfinden. Elternschaft wurde dabei über Kinder im Haushalt angenähert. Beim Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit zeigte sich ein uneinheitliches Bild, abhängig von Geschlecht, sozialer Lage und gesellschaftlichem Kontext. Beim Sinnempfinden bestand über unterschiedliche Gruppen hinweg ein bemerkenswert stabiler positiver Zusammenhang mit Elternschaft. Die Studie beweist nicht, dass Kinder kausal Sinn erzeugen. Sie zeigt aber, dass Zufriedenheit und Sinn unterschiedliche Fragen an ein Leben stellen können.


Ein Leben kann mühsamer und zugleich bedeutungsvoller werden. Ein Mensch kann Freiheiten vermissen, die er vor der Geburt eines Kindes hatte, und dieses Kind innig lieben. Auch einen erfüllenden Beruf kann man manchmal kaum ertragen, und eine glückliche Partnerschaft bleibt nicht frei von Mühe. Bei Eltern scheint ein negativer Satz trotzdem erstaunlich schnell unter Verdacht zu geraten, etwas über die Tiefe ihrer Liebe zu verraten.


Vielleicht erklärt das einen Teil des Erfolgs des sogenannten „Eldest Daughter Syndrome“. Der Begriff klingt medizinischer, als er ist. Eine anerkannte klinische Diagnose dieses Namens existiert nicht. Auch die Forschung zur Geburtenreihenfolge rechtfertigt keine deterministische Vorstellung, wonach allein die Position als älteste Tochter zwangsläufig einen bestimmten Persönlichkeitstyp hervorbringt. Neuere Untersuchungen finden teilweise kleine Zusammenhänge mit einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen; ein psychologisches Schicksal folgt daraus nicht.

Hinter dem Schlagwort können dennoch Erfahrungen stehen, die sich nüchterner untersuchen lassen. Der Soziologe Florian Schulz analysierte Zeitverwendungsdaten aus 478 deutschen Vierpersonenhaushalten mit zwei verschiedengeschlechtlichen Elternteilen und zwei Kindern zwischen zehn und 17 Jahren. Grundlage waren 3.743 Zeittagebücher aus den Erhebungen 2001/2002 und 2012/2013. Mütter und Töchter verbrachten mehr Zeit mit Hausarbeit als Väter und Söhne. In Haushalten mit zwei Töchtern war die gesamte Hausarbeitszeit der Kinder höher als in solchen mit zwei Söhnen; ältere Töchter leisteten mehr Hausarbeit als jüngere.


Die Studie sagt damit etwas über die Verteilung von Hausarbeit, nicht über ein psychologisches Syndrom. Sie misst weder Überforderung noch emotionale Verantwortung oder spätere psychische Folgen.


Mit Hausarbeit allein ist auch noch keine Parentifizierung beschrieben. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2023 versteht darunter Situationen, in denen junge Menschen entwicklungsunangemessene eltern- oder erwachsenenähnliche Rollen und Verantwortungen übernehmen müssen. Die Review umfasste 95 Studien und dokumentiert vor allem Belastungsrisiken. Positive oder resilienzbezogene Erfahrungen werden ebenfalls berichtet, sind bislang aber wesentlich weniger gut untersucht.


Altersgerechte Verantwortung und Parentifizierung sind deshalb nicht dasselbe. Kinder können den Tisch decken, ein Haustier versorgen, gelegentlich auf ein Geschwisterkind achten und Aufgaben übernehmen, die mit ihrem Alter wachsen. Eine Familie, in der Kinder niemals etwas beitragen müssen, wäre nicht automatisch die gesündere Familie.

Problematisch kann Verantwortung werden, wenn ein Kind dauerhaft Aufgaben übernehmen muss, die eigentlich auf der Erwachsenenseite liegen. Das kann praktische Verantwortung betreffen, aber auch emotionale: Konflikte zwischen Erwachsenen vermitteln, einen Elternteil stabilisieren oder zuverlässig derjenige sein, der „vernünftig bleibt“. Gerade sehr kompetente Kinder können lange übersehen lassen, wie viel von ihnen verlangt wird.


Die Befunde zur Hausarbeit und die Forschung zur Parentifizierung beschreiben unterschiedliche Dinge. Gemeinsam werfen sie jedoch eine Frage auf: Welche Erwartungen geben Familien nicht nur durch das weiter, was sie Kindern sagen, sondern durch das, was bestimmte Kinder selbstverständlich übernehmen sollen?

Familien improvisieren. Krankheit, Alleinerziehen, finanzielle Schwierigkeiten, Migration, Pflegebedürftigkeit oder schlicht ein komplizierter Alltag können Verantwortungen verschieben, ohne dass jemand beschlossen hätte, ein Kind zu überfordern. Hilfreicher als die sofortige Schuldfrage ist deshalb die Frage, ob eine Rolle noch zum Alter, zu den Möglichkeiten und zur Unterstützung eines Kindes passt.


Noch schwieriger wird die Uneindeutigkeit dort, wo die Entscheidung für Elternschaft selbst infrage gestellt wird. „Regretting parenthood“ hat auch deshalb Aufmerksamkeit erhalten, weil der Gedanke so schlecht in die übliche Sprache über Familie passt: Ein Vater oder eine Mutter kann das eigene Kind lieben und trotzdem wünschen, sich damals nicht für Elternschaft entschieden zu haben.


Eine 2025 veröffentlichte deutsche Untersuchung nutzte Daten von 2.100 Personen aus dem Beziehungs- und Familienpanel pairfam. Gefragt wurde, ob sie sich mit ihrem heutigen Wissen erneut für Kinder entscheiden würden. Fünf Prozent antworteten mit „sicher nein“, sechs Prozent mit „wahrscheinlich nein“. In dieser Stichprobe und bei genau dieser Fragestellung äußerten somit elf Prozent eine Form von Elternschaftsreue. Zusammenhänge fanden sich unter anderem mit stärker ausgeprägten depressiven Symptomen, höheren wahrgenommenen psychosozialen Kosten und niedrigerem sozioökonomischem Status; Geschlecht und Beziehungsstatus waren im Regressionsmodell nicht signifikant.


Die Zahl braucht ihren methodischen Rahmen. Die Untersuchung ist querschnittlich und kann keine Ursache-Wirkungs-Richtung bestimmen. Das statistische Modell erklärte lediglich neun Prozent der Varianz, zudem weisen die Autoren auf mögliche Effekte sozial erwünschter Antworten hin. Elf Prozent sind deshalb keine zeitlose Quote „der deutschen Eltern“, sondern das Ergebnis einer bestimmten Stichprobe, eines bestimmten Zeitpunkts und einer bestimmten Frage.


Eine 2026 erschienene Forschungsübersicht beschreibt Elternschaftsreue als eine von gewöhnlicher Unzufriedenheit unterscheidbare Erfahrung, bei der kontrafaktisches Denken zentral ist: Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn ich mich anders entschieden hätte? Die Irreversibilität der Elternrolle gibt dieser Form der Reue eine besondere Qualität.


Der deutsche Ausdruck „seine Kinder bereuen“ macht die Sache unnötig grob. Er verschiebt das Objekt der Reue. Bereut werden kann die Entscheidung, Elternteil geworden zu sein, ohne dass das Kind als Mensch ungeliebt sein muss. Diese Unterscheidung löst nicht jedes Problem, aber ohne sie lässt sich über das Phänomen kaum fair sprechen.


Sie bedeutet ebenso wenig, dass jede innere Wahrheit ungefiltert ausgesprochen werden sollte. Ein Kind ist nicht der geeignete Adressat für die gesamte erwachsene Verarbeitung einer irreversiblen Lebensentscheidung. Man kann gesellschaftlich Raum für Elternschaftsreue schaffen und zugleich darauf bestehen, dass Erwachsene darauf achten, wem sie welche Last zumuten.


Positive Erzählungen über Familie sind dabei nicht bloß gesellschaftliche Erwartungen. Hingabe, Nähe und freiwilliger Verzicht können Erfahrungen sein, die Eltern selbst als zentral für ein gutes Leben empfinden. Die Forschung zum Sinnempfinden gibt dafür einen Hinweis. Eine Arbeitsteilung muss nicht exakt halbiert sein, um von beiden Partnern als gerecht erlebt zu werden. Verantwortung kann Kinder wachsen lassen, Fürsorge Freude machen.


Keine dieser Erfahrungen macht Belastung, Ungleichheit oder Reue deshalb weniger real. Eine Gesellschaft, die Familie ernst nimmt, muss nicht weniger positiv über sie sprechen. Sie müsste präziser sprechen. Liebe kann Arbeit hervorbringen, ohne diese Arbeit unsichtbar zu machen. Ein Paar kann sich freiwillig für eine asymmetrische Aufteilung entscheiden und trotzdem deren langfristige Folgen bedenken. Kinder dürfen Verantwortung übernehmen, ohne zu kleinen Erwachsenen zu werden. Eltern können ein sinnvolles Leben führen und manchmal ein leichteres vermissen.


Elternschaft ist weder die natürliche Vollendung jedes Erwachsenenlebens noch eine gesellschaftliche Falle, aus der man nur rechtzeitig entkommen müsste. Für manche Menschen ist sie eine zentrale Quelle von Sinn und Nähe. Andere wollen keine Kinder und vermissen nichts. Manche Eltern erleben große Bindung und einen hohen Preis zugleich. Einige würden sich wieder entscheiden. Einige nicht.


Praktischer wird die Sache, wenn aus großen Begriffen kleine Fragen werden. Nicht nur: Werden wir uns beide kümmern? Sondern: Wer bleibt zu Hause, wenn die Betreuung ausfällt? Wer organisiert Termine? Wer reduziert Arbeitszeit, für wie lange und mit welchen finanziellen Folgen? Welche Aufgaben sollen Kinder übernehmen? Und woran würden wir merken, dass aus Mithilfe eine Rolle geworden ist, die nicht mehr zu ihrem Alter passt?


Solche Gespräche haben wenig von der Ästhetik, mit der Elternschaft gern angekündigt wird. Niemand rahmt eine Vereinbarung über Erwerbsarbeitszeiten und Kinderkranktage und hängt sie über das Babybett. Vielleicht macht gerade das sie nützlich.


Am Abend steht der Familienkalender noch immer in der Küche. Der Zahnarzttermin muss verschoben, die Tasche für morgen gepackt und wahrscheinlich noch eine Nachricht an die Schule beantwortet werden. Nichts daran widerlegt die Liebe zu einem Kind. Ebenso wenig sorgt diese Liebe von selbst dafür, dass Arbeit gerecht verteilt ist oder niemand an ihr müde wird.


Vielleicht beginnt ein ehrlicherer Blick auf Familie genau dort, wo beides gesagt werden darf.

Quellen und weiterführende Literatur

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2025). Zeitverwendungserhebung (ZVE) 2022: Durchschnittliche Zeitverwendung für Erwerbs- und unbezahlte Arbeit von Vätern und Müttern ab 18 Jahren in Haushalten von Paaren mit Kindern und Alleinerziehenden. Revidierte Ergebnisse, Stand 6. Juni 2025.

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2025). Zeitverwendungserhebung (ZVE) 2022: Ergebnisse zu bezahlter und unbezahlter Arbeit und zum Gender Care Gap.

Hudde, A., & Jacob, M. (2025). Parenthood in Europe: Not more life satisfaction, but more meaning in life. Journal of Marriage and Family, 87(5), 1963–1978. DOI: 10.1111/jomf.13116.

Schulz, F. (2021). Mothers’, fathers’ and siblings’ housework time within family households. Journal of Marriage and Family, 83(3), 803–819. DOI: 10.1111/jomf.12762.

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Dariotis, J. K., Chen, F. R., Park, Y. R., Nowak, M. K., French, K. M., & Codamon, A. M. (2023). Parentification vulnerability, reactivity, resilience, and thriving: A mixed methods systematic literature review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(13), 6197. DOI: 10.3390/ijerph20136197.

Erbe, D., Diemer, L., & Gerlach, A. L. (2025). „Regretting parenthood“: Zusammenhänge bereuter Elternschaft mit Depressivität, Kosten- und Nutzenerwartungen sowie sozioökonomischen Faktoren. Prävention und Gesundheitsförderung. DOI: 10.1007/s11553-025-01246-z.

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