Abnehmen, ohne an Kraft zu verlieren

Wie Wegovy und Mounjaro den Appetit verändern – und weshalb Eiweiß, Krafttraining und die Qualität der Ernährung jetzt wichtiger werden
Die sogenannte Abnehmspritze hat die Behandlung von Adipositas grundlegend verändert. Wegovy mit dem Wirkstoff Semaglutid ahmt das Darmhormon GLP-1 nach, Mounjaro mit Tirzepatid wirkt zusätzlich auf den GIP-Rezeptor. Beide Medikamente können das Hungergefühl deutlich dämpfen, die Sättigung verlängern und die aufgenommene Nahrungsmenge erheblich reduzieren. Genau darin liegt ihre Stärke – und zugleich eine häufig unterschätzte Herausforderung: Der Appetit sinkt, der Bedarf des Körpers an Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen und essenziellen Fettsäuren jedoch nicht im gleichen Maß. Wer einfach nur immer weniger isst, verliert deshalb möglicherweise nicht nur Körperfett, sondern auch einen Teil seiner körperlichen Substanz.
Die Waage ist ein schlechter Buchhalter
Gewichtsverlust ist nicht gleich Fettverlust. Sinkt die Zahl auf der Waage, können daran Fettgewebe, Wasser, Glykogen und fettfreie Körpermasse beteiligt sein. In Untersuchungen zu GLP-1-basierten Medikamenten entfielen etwa 25 bis 39 Prozent des verlorenen Gewichts auf die mittels DXA bestimmte fettfreie Masse. Das klingt zunächst alarmierend, muss aber sorgfältig eingeordnet werden: Fettfreie Masse ist nicht mit reiner Skelettmuskulatur identisch, sondern umfasst auch Wasser, Organgewebe und andere Bestandteile. Zugleich zeigen die Studien, dass der weitaus größere Anteil des Gewichtsverlusts aus Fett besteht und sich das Verhältnis von Fett- zu fettfreier Masse gewöhnlich verbessert. Unter Tirzepatid stammten in einer Teilstudie von SURMOUNT-1 ungefähr drei Viertel des verlorenen Gewichts aus Fettmasse. Dennoch bleibt der Muskelerhalt besonders für ältere Menschen, körperlich wenig Aktive und Personen mit bereits eingeschränkter Kraft ein wichtiges Therapieziel.
Muskeln sind weit mehr als eine ästhetische Zugabe. Sie stabilisieren Gelenke, sichern Beweglichkeit und Selbstständigkeit, nehmen einen erheblichen Teil der Glukose aus dem Blut auf und bestimmen mit, wie belastbar ein Mensch im Alltag bleibt. Ein geringeres Körpergewicht bei gleichzeitig schwindender Kraft ist daher nur ein halber Erfolg. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Kilogramm verschwinden, sondern woraus diese Kilogramm bestehen und ob Leistungsfähigkeit, Beweglichkeit und Lebensqualität erhalten bleiben.
Weniger essen heißt: gezielter essen
Unter Wegovy oder Mounjaro sollte nicht jede Mahlzeit lediglich kleiner, sondern nährstoffreicher werden. Eiweiß erhält Muskeln allerdings nicht wie ein Konservierungsmittel; es stellt vielmehr das Baumaterial bereit, das der Körper zusammen mit einem Trainingsreiz benötigt. Als pragmatischer Ausgangspunkt werden während einer Gewichtsreduktion häufig etwa 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag genannt. Bei deutlichem Übergewicht sollte dafür nicht unkritisch das aktuelle Gewicht verwendet werden, sondern je nach Situation ein Ziel- oder angepasstes Körpergewicht. Alter, Aktivität, Nierenfunktion, Begleiterkrankungen und Verträglichkeit müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Die passende Menge sollte deshalb individuell mit ärztlicher oder ernährungsmedizinischer Begleitung festgelegt werden.
Hilfreicher als die Jagd nach einer einzigen Tageszahl ist eine klare Struktur: Jede Hauptmahlzeit enthält eine gut verträgliche Proteinquelle. Das können beispielsweise Naturjoghurt, Skyr oder Quark, Eier, Fisch, mageres Fleisch, Tofu, Tempeh, Hülsenfrüchte oder eine Kombination pflanzlicher Eiweißquellen sein. Weil große Portionen unter der Therapie häufig unangenehm werden, ist es sinnvoll, das Eiweiß nicht erst beim Abendessen nachholen zu wollen, sondern über den Tag zu verteilen. Bei sehr geringem Appetit können kleine, konzentrierte Mahlzeiten wie Joghurt mit Beeren, ein Omelett mit Gemüse, eine Linsensuppe oder ein proteinreicher Drink praktikabler sein als ein großer Teller. Proteinpulver kann in Einzelfällen helfen, ist aber kein zwingender Bestandteil der Behandlung und ersetzt keine insgesamt ausgewogene Ernährung.
Auch Kohlenhydrate und Fette bleiben notwendig. Vollkornprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst liefern Energie, Ballaststoffe und Mikronährstoffe; hochwertige Pflanzenöle, Nüsse und fettreicher Fisch tragen essenzielle Fettsäuren bei. Da Semaglutid und Tirzepatid die Magenentleerung beeinflussen können, werden kleinere, langsam gegessene Mahlzeiten oft besser vertragen als sehr große, fettreiche oder stark verarbeitete Portionen. Ballaststoffe sollten bei empfindlichem Magen-Darm-Trakt schrittweise erhöht und von einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr begleitet werden. Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sind kein Beweis dafür, dass das Medikament „besonders gut wirkt“. Wer kaum noch essen oder trinken kann, sollte nicht eigenmächtig weiter reduzieren oder die Dosis verändern, sondern die Behandlung ärztlich überprüfen lassen.
Ohne Belastungsreiz fehlt dem Körper das Argument
Eiweiß allein kann den Muskelerhalt nicht garantieren. Der Körper benötigt ein überzeugendes Signal, dass die vorhandene Muskulatur weiterhin gebraucht wird – und dieses Signal heißt Krafttraining. Ausdauerbewegung, Spaziergänge und mehr Schritte im Alltag sind für Herz, Kreislauf und Stoffwechsel wertvoll, setzen für die Muskulatur aber nicht immer einen ausreichenden Erhaltungsreiz. Empfehlenswert sind in der Regel mindestens zwei Einheiten pro Woche, in denen die großen Muskelgruppen progressiv belastet werden. Das muss nicht zwingend im Fitnessstudio geschehen: kontrolliertes Aufstehen von einem Stuhl, Kniebeugen in angepasster Tiefe, Übungen mit Widerstandsbändern, Wandliegestütze, Rudern, Wadenheben oder bewusst langsames Absenken können einen wirksamen Einstieg bilden. Entscheidend sind Regelmäßigkeit, saubere Ausführung und eine Belastung, die im Laufe der Zeit behutsam gesteigert wird. Bei Schmerzen, Gebrechlichkeit, neurologischen Erkrankungen oder Herz-Kreislauf-Problemen gehört die Trainingsplanung in fachkundige Hände.
Der Behandlungserfolg sollte deshalb nicht nur über das Körpergewicht beurteilt werden. Aussagekräftiger wird das Bild, wenn zusätzlich Taillenumfang, Alltagskraft, Gehgeschwindigkeit, Trainingsleistungen und beispielsweise die Fähigkeit beobachtet werden, mehrfach ohne Abstützen von einem Stuhl aufzustehen. Bioimpedanzwaagen können Trends anzeigen, reagieren aber empfindlich auf Flüssigkeitshaushalt und Messbedingungen. Auch eine DXA-Messung liefert keine perfekte Abbildung der reinen Muskelmasse. Oft verrät die Funktion mehr als eine vermeintlich präzise Körperzahl.
Wegovy und Mounjaro können eine medizinisch bedeutsame Gewichtsreduktion ermöglichen. Sie ersetzen jedoch weder Ernährung noch Bewegung, sondern verändern die Bedingungen, unter denen beides stattfindet. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie wenig kann ich noch essen? Sie lautet: Wie versorge und fordere ich meinen Körper so, dass möglichst viel Fett verschwindet, während Kraft, Beweglichkeit und Lebensqualität erhalten bleiben? Das beste Ergebnis ist nicht der niedrigste Wert auf der Waage, sondern ein leichterer Körper, der weiterhin trägt.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche, ernährungsmedizinische oder sporttherapeutische Beratung. Die Behandlung mit Semaglutid oder Tirzepatid sowie Änderungen von Dosis, Ernährung und Training sollten insbesondere bei Begleiterkrankungen fachlich begleitet werden.



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