top of page

Die Psychologie der Jahreszeiten: Der Herbst

22. Sept.
12 Min. Lesezeit



Sommerflirt, Winternähe


Warum unser Liebesleben saisonal wirkt – und der Kalender weniger die Gefühle steuert als ihre Gelegenheiten


Es gibt diese ersten Abende, an denen eine Stadt ihre Haltung verändert. Tische wandern vor die Cafés, Jacken bleiben zu Hause, Blicke verweilen ein wenig länger. Menschen, die sich monatelang in Innenräumen aneinander vorbeibewegt haben, werden plötzlich sichtbar. Der Sommer scheint für Begegnungen geschaffen. Im Winter dagegen werden Wohnungen heller, Türen früher geschlossen und Zweisamkeit bekommt einen anderen Klang: weniger Aufbruch, mehr Zuflucht. Für beides hat unsere Kultur längst griffige Namen gefunden. Frühlingsgefühle versprechen Neubeginn, der Sommerflirt Freiheit und die „Cuffing Season“ jene Monate, in denen Singles sich angeblich nach einer festen Hand sehnen, an die sie sich bis zum Frühjahr ketten können. Solche Erzählungen wirken so plausibel, weil fast jeder passende Erinnerungen besitzt. Doch eine Erinnerung ist noch kein Jahresrhythmus, und ein Jahresrhythmus noch keine biologische Vorschrift. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, ob die Liebe Jahreszeiten kennt. Sie lautet, was sich tatsächlich verändert: unser Begehren, unsere Bindungsbereitschaft oder lediglich die Welt, in der beides eine Gelegenheit findet.



Liebe ist keine einzelne Messgröße

Schon der Satz „Im Sommer lieben wir anders“ vermischt Vorgänge, die wissenschaftlich getrennt werden müssen. Libido ist nicht Flirtbereitschaft, ein Flirt ist keine sexuelle Begegnung und Sex noch kein Beziehungswunsch. Wer häufiger nach Datingangeboten sucht, muss niemanden treffen; wer im Urlaub untreu wird, sucht nicht notwendig eine neue Partnerschaft; und aus neun Monate später steigenden Geburtenzahlen lässt sich weder Romantik noch Treue ablesen. Hinzu kommen sehr unterschiedliche Gruppen: Singles und langjährig Verheiratete, junge Erwachsene und ältere Menschen, Personen mit oder ohne Kinderwunsch, heterosexuelle und queere Beziehungen. Eine Saison kann bei einer dieser Gruppen die Zahl möglicher Begegnungen erhöhen und bei einer anderen lediglich mehr gemeinsame Zeit schaffen. Je weiter eine Schlagzeile von der konkret erhobenen Messgröße entfernt ist, desto größer wird die Gefahr, aus einer kleinen Verhaltensspur ein Naturgesetz der Liebe zu machen.


Genau deshalb lohnt ein Blick auf die verschiedenen Ebenen. Auf der biologischen Ebene können Tageslicht, Schlaf, Infektionen, Bewegung und hormonelle Prozesse eine Rolle spielen. Auf der psychologischen Ebene verändern sich Stimmung, Energie, Einsamkeit und Risikobereitschaft. Auf der sozialen Ebene schwanken Freizeit, Reisen, Feste und die Zahl ungeplanter Kontakte. Darüber liegt eine kulturelle Ebene aus Filmen, Werbung und vertrauten Drehbüchern: Im Sommer soll man sich verlieben, an Weihnachten nicht allein sein und am Valentinstag beweisen, dass eine Beziehung zählt. Wahrscheinlich entsteht der beobachtete Rhythmus nicht durch einen dieser Faktoren, sondern durch ihr Zusammenspiel.



Was die Sonne mit einem Flirt machen kann

Ein häufig zitiertes französisches Feldexperiment scheint die sommerliche Intuition zunächst eindrucksvoll zu bestätigen. Ein attraktiver junger Mann sprach allein gehende Frauen auf der Straße an und bat um ihre Telefonnummer. Bei Sonnenschein waren gut 22 Prozent dazu bereit, bei bedecktem Himmel knapp 14 Prozent. Das klingt, als öffne die Sonne direkt die Tür zur Annäherung. Tatsächlich erlaubt das Experiment nur eine engere Aussage: Unter diesen Bedingungen reagierten junge Frauen häufiger positiv auf genau diesen Mann und genau diese Bitte. Vielleicht hob die Sonne ihre Stimmung. Vielleicht verhielt sich auch der Versuchshelfer an hellen Tagen unbewusst sicherer, freundlicher oder ausdrucksstärker. Wind, Luftfeuchtigkeit und andere Situationsmerkmale wurden nicht vollständig kontrolliert. Ein interessantes Feldsignal ist damit noch kein belastbarer Beweis, dass sonniges Wetter Menschen allgemein flirtbereiter macht.


Der Befund weist dennoch auf einen plausiblen Mechanismus hin. Positive Stimmung kann soziale Annäherung erleichtern, und gutes Wetter verändert zugleich die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung. Wer länger draußen bleibt, häufiger Plätze, Parks und Lokale besucht oder ohne Eile durch eine Stadt geht, begegnet mehr Menschen und sendet mehr Gelegenheiten für Kontakt. Die Saison muss dafür keine Vorlieben umprogrammieren. Es genügt, dass sie die Zahl der Situationen verändert, in denen vorhandene Neugier sichtbar werden kann. Das ist die erste zentrale Verschiebung: Der Sommer erzeugt womöglich nicht mehr romantisches Interesse, sondern mehr Gelegenheiten, es zu bemerken.



Längere Tage, mehr Lust?

Für einen Zusammenhang zwischen Tageslänge und Sexualverhalten spricht eine große Auswertung von Daten der Zyklus-App Natural Cycles. Untersucht wurden mehr als 425.000 protokollierte Zyklen von rund 76.000 Nutzerinnen in den USA und Schweden. Mit länger werdenden Tagen stieg in vielen Modellen die geschätzte Wahrscheinlichkeit eines Eisprungs. Auch eingetragene sexuelle Aktivität nahm in den ursprünglichen Analysen mit der Tageslänge zu. Bei der selbst berichteten Libido zeigte sich der positive Zusammenhang jedoch nur in der US-Stichprobe, nicht verlässlich in der schwedischen. Nachdem Temperatur berücksichtigt und die Daten auf andere Weise standardisiert worden waren, wurden mehrere schwedische Ergebnisse ebenfalls unsicher. Das ist keine Widerlegung, aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass „mehr Licht gleich mehr Lust“ zu einfach wäre.


Die Studie hat bemerkenswerte Stärken: sehr viele Zyklen, wiederholte Angaben derselben Nutzerinnen und mehrere Verfahren zur Abschätzung des Eisprungs. Gleichzeitig handelt es sich um eine besondere Gruppe von Menschen, die eine digitale Anwendung zur Verhütung oder Familienplanung nutzt und regelmäßig intime Daten einträgt. Ob sie die Gesamtbevölkerung repräsentiert, ist offen. Eingetragener Sex ist zudem nicht automatisch vollständig erfasster Sex, und eine App-Aufzeichnung erklärt nicht, ob längere Tage biologisch wirkten oder ob Urlaub, Bewegung, Gesundheit und Partnerschaftsalltag gleichzeitig mitwanderten. Die Forschenden selbst beschreiben die zugrunde liegenden Mechanismen als ungeklärt. Die Daten zeigen eine saisonale Empfindlichkeit bestimmter reproduktiver und sexueller Prozesse, aber keinen universellen Paarungsschalter.



Die verführerische Hormonerzählung

Wenn ein Verhalten saisonal schwankt, liegt eine hormonelle Erklärung nahe. Vor allem Testosteron wird gern zum heimlichen Regisseur von Lust und Partnersuche erklärt. Nur liefert die Forschung kein einheitliches Drehbuch. Eine israelische Auswertung berichtete bei Männern höhere Werte zwischen Spätsommer und Herbst und niedrigere im März. Eine italienische Datenanalyse fand den höchsten durchschnittlichen Testosteronspiegel im Sommer, allerdings vor allem bei Männern mittleren Alters und bei insgesamt kleiner Schwankungsbreite. Andere Untersuchungen meldeten Winterspitzen. Eine große US-Studie verglich mehr als 25.000 Messungen aus dem jahreszeitlich ausgeprägten Pittsburgh und dem warmen Miami und fand an keinem der beiden Orte eine klinisch bedeutsame saisonale Variation.


Diese Widersprüche sind kein Zeichen dafür, dass Hormone bedeutungslos wären. Sie zeigen, wie schwierig ihre isolierte Messung ist. Testosteron verändert sich im Tagesverlauf und hängt unter anderem mit Alter, Gesundheit, Schlaf, Stoffwechsel, Stress, Medikamenten und sozialen Situationen zusammen. In vielen Datensätzen wurden außerdem nicht dieselben Männer Monat für Monat untersucht. Selbst ein verlässlicher Jahresrhythmus des Hormons würde noch nicht beweisen, dass er Flirt, Treue oder Beziehungsgründung verursacht. Zwischen einer Konzentration im Blut und einer konkreten Entscheidung stehen Persönlichkeit, Werte, Gelegenheit und die Reaktion eines anderen Menschen. Die populäre Hormonerzählung ist deshalb gerade dort am schwächsten, wo sie am vollständigsten klingt.



Der Sommer verändert vor allem die Bühne

Vieles, was als Sommerbiologie erscheint, lässt sich ebenso gut als veränderte soziale Bühne beschreiben. Urlaube und lange Abende schaffen unverplante Zeit, Kleidung und öffentliche Räume erhöhen die gegenseitige Sichtbarkeit, Festivals und Reisen lockern Routinen. Menschen treten häufiger aus ihren festen Rollen heraus. Im Büro ist jemand die Kollegin, im Alltag der Nachbar, im Urlaub zunächst nur ein interessanter Fremder. Solche Übergangsräume senken nicht zwangsläufig moralische Standards, doch sie erweitern das vorstellbare Verhalten. Eine ökonomische Untersuchung von Daten junger US-Amerikaner fand tatsächlich saisonale Muster selbst berichteter Untreue mit einem Höhepunkt im Sommer. Die Autorin hielt Reisen und die damit verbundene Gelegenheit für eine mögliche Erklärung. Aus diesem Ergebnis folgt nicht, dass Hitze untreu macht. Es spricht eher dafür, dass Mobilität, Anonymität und neue Kontakte bestehende Bereitschaften leichter in Verhalten übersetzen können.


Auch die Entlastung von Stress dürfte eine Rolle spielen. Chronischer Stress, Schlafmangel, Konflikte und Krankheit können sexuelles Interesse dämpfen. Ferien verändern mehrere dieser Bedingungen gleichzeitig, allerdings nicht für alle zum Besseren: Familienreisen können belastend sein, Hitze kann Schlaf und Wohlbefinden verschlechtern, finanzielle Sorgen verschwinden nicht mit dem Kalender. Durchschnittswerte verdecken deshalb gegensätzliche Erfahrungen. Für manche Menschen öffnet der Sommer die Welt, für andere erschöpft er sie. Der Satz „Im Sommer steigt die Lust“ bezeichnet eine statistische Tendenz in bestimmten Daten, keine verlässliche Vorhersage für eine einzelne Person.



Cuffing Season: ein gutes Wort mit dünner Beweislage

Im Herbst dreht sich die Erzählung um. Wenn das öffentliche Leben kleiner wird, soll die Sehnsucht nach Bindung wachsen. „Cuffing Season“ heißt in der Datingkultur jene Zeit von ungefähr Oktober bis zum Valentinstag, in der Singles eine Beziehung für die kalten Monate suchen. Das Bild funktioniert, weil es körperliche und emotionale Wärme miteinander verbindet. Kälte, Dunkelheit, Feiertage und das Gefühl, andere säßen paarweise vor erleuchteten Fenstern, können Alleinsein stärker hervortreten lassen. Doch die direkte wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Menschen im Winter systematisch dauerhaftere Beziehungen beginnen oder Treue höher bewerten, ist überraschend dünn. Datingplattformen veröffentlichen Aktivitätszahlen, Medien zitieren Auftragsumfragen, und soziale Netzwerke produzieren jedes Jahr neue Erfahrungsberichte. Das alles kann einen Trend anzeigen, ersetzt aber keine unabhängige Untersuchung derselben Menschen über mehrere Jahreszeiten.


Eine elegante Studienreihe zeigte, dass körperliche Kälte die Vorliebe für romantische Filme und die Zahlungsbereitschaft dafür erhöhen konnte. Der Effekt trat vor allem bei Personen auf, die romantische Filme mit psychologischer Wärme verbanden; in historischen Ausleihdaten wurden entsprechende Zusammenhänge ebenfalls gefunden. Das ist ein interessanter Hinweis auf die Verbindung von körperlicher und sozialer Wärme. Aber wer an einem kalten Tag lieber eine Liebesgeschichte sieht, verspricht noch niemandem Treue. Die Studie erfasst eine Medienpräferenz, nicht Partnerwahl, Bindungsfähigkeit oder Beziehungsqualität. Gerade populäre Begriffe wie „Cuffing Season“ leben davon, dass mehrere schwache Indizien zu einer runden Erzählung verschmelzen.


Weihnachten ist keine Jahreszeit

Besonders aufschlussreich sind Daten, die nicht nur Nordamerika oder Europa betrachten. Google-Suchanfragen zu Pornografie, Prostitution und Partnersuche zeigten in den USA über mehrere Jahre zwei wiederkehrende Spitzen: im Winter und im Frühsommer. Das passt schlecht zu einer einfachen Geschichte, nach der entweder Kälte oder lange Tage allein das sexuelle Interesse antreiben. Eine spätere internationale Analyse untersuchte sexuelle Suchbegriffe, Geburtenverläufe und die Stimmung in sozialen Medien rund um große religiöse Feste. Das Interesse stieg in christlich geprägten Ländern rund um Weihnachten und in muslimisch geprägten Ländern rund um das Ende des Ramadan. Entscheidend war, dass sich die Muster nicht schlicht mit den gegensätzlichen Jahreszeiten auf Nord- und Südhalbkugel umkehrten. Sie folgten stärker den kulturellen Festen und den damit verbundenen kollektiven Stimmungen.


Damit wird der Kalender selbst zu einer psychologischen Umwelt. Feiertage bündeln freie Zeit, Rituale, Familienbilder und Erwartungen an Nähe. Menschen reisen nach Hause, treffen alte Bekannte, feiern, trinken möglicherweise mehr Alkohol und unterbrechen ihre berufliche Routine. Gleichzeitig können Einsamkeit und sozialer Vergleich schmerzhafter werden. Der Wunsch nach Kontakt muss daher nicht aus sinkender Temperatur entstehen. Er kann durch eine Kultur verstärkt werden, die Zweisamkeit in bestimmten Wochen besonders sichtbar macht. Weihnachten ist meteorologisch Winter auf der Nordhalbkugel, psychologisch aber ein komplexes Ereignis aus Zeit, Symbolen und Beziehungen. Wer beides verwechselt, schreibt der Natur zu, was der soziale Kalender organisiert.


Was Geburtenzahlen verraten – und was nicht

Geburtenstatistiken gelten oft als scheinbar objektiver Beweis sexueller Hochzeiten. In Deutschland liegen geburtenreiche Monate seit Jahren häufig im Sommer und Frühherbst, was auf vermehrte Empfängnisse im Herbst und Winter hinweist. Doch vom Geburtsdatum neun Monate zurückzurechnen ist gröber, als es wirkt. Schwangerschaften dauern unterschiedlich lange, Geburten werden medizinisch eingeleitet oder geplant, Fehlgeburten erscheinen nicht in der Statistik, und Verhütung trennt sexuelle Aktivität von Empfängnis. Hinzu kommen bewusste Wünsche nach einem bestimmten Geburtszeitraum, schulische Kalender, Beruf, Feiertage und schwankende Fruchtbarkeit. Geburtenzahlen erfassen das Ergebnis vieler Filter, nicht unmittelbar die Häufigkeit von Sex und schon gar nicht die Qualität einer Beziehung.


Wie stark gesellschaftliche Bedingungen mitwirken, zeigt die deutsche Entwicklung. Über Jahrzehnte verschob sich der saisonale Geburtengipfel in Westdeutschland vom Frühjahr in den Spätsommer; in Ostdeutschland trat eine ähnliche Veränderung erst nach der Wiedervereinigung auf. Wäre ein unveränderlicher Lichtrhythmus der Hauptmotor, ließe sich ein solcher historischer und regionaler Versatz schwer erklären. Landwirtschaftliche Arbeitszyklen, Familienpolitik, Verhütung, Alter bei der ersten Geburt und andere soziale Faktoren bieten plausiblere Teile der Erklärung. Auch hier lautet die Lehre nicht, Biologie auszuschließen. Sie lautet, biologische und kulturelle Rhythmen nicht vorschnell miteinander zu verwechseln.


Warum die saisonale Liebesthese Substanz hat

Die stärkste Fassung der These besagt nicht, dass alle Menschen im Juli flirten und im Dezember monogam werden. Sie besagt, dass menschliche Sexualität und Annäherung empfindlich auf wiederkehrende Umweltbedingungen reagieren. Dafür sprechen saisonale Muster in App-Daten, Internetsuchen, Empfängnissen, sexueller Aktivität und einzelnen Verhaltensstudien. Mehr Licht, bessere Stimmung, geringere Infektbelastung, Bewegung, Urlaub und häufigere Begegnungen können sich im Sommer gegenseitig verstärken. Im Winter können weniger Außenkontakte, Feiertagsrituale und ein erhöhtes Bedürfnis nach sozialer Wärme Bindung sichtbarer und begehrenswerter machen. Selbst kleine Verschiebungen wären gesellschaftlich relevant, wenn sie Millionen Menschen gleichzeitig betreffen. Die Jahreszeiten sind aus dieser Sicht keine Befehlsgeber, aber wiederkehrende Kontexte, die vorhandene Motive wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher zum Ausdruck bringen.


Warum aus Mustern noch keine Liebesgesetze werden

Die stärkste Gegenposition weist darauf hin, dass viele Studien andere Dinge messen als ihre populäre Deutung behauptet. Suchanfragen sind kein Sex, Sex ist keine Beziehung, eine Vorliebe für Liebesfilme keine Bindungsentscheidung und ein Geburtengipfel kein Beleg für Romantik. Mehrere Ergebnisse stammen aus selektiven App-Stichproben, einzelnen Ländern, retrospektiven Hormonmessungen oder kleinen Feldexperimenten; Replikationen fehlen häufig. Tageslicht, Temperatur, Urlaub, Feste, Alkohol, Stress und Begegnungschancen verändern sich gemeinsam und lassen sich nur schwer trennen. Vor allem für den behaupteten Wintertrend zu Treue und dauerhafter Partnerschaft gibt es wenig direkte Evidenz. „Cuffing Season“ könnte daher weniger eine entdeckte psychologische Saison sein als ein kulturelles Etikett, das verstreute Beobachtungen ordnet und anschließend das Verhalten mitprägt, das es zu beschreiben vorgibt.



Was davon im eigenen Liebesleben nützlich ist

Niemand muss einer sommerlichen Anziehung misstrauen oder eine im Winter begonnene Beziehung bis zum ersten warmen Tag unter Vorbehalt stellen. Entscheidend ist nicht, wann ein Gefühl entsteht, sondern ob es außerhalb seines Entstehungskontexts trägt. Urlaub kann Menschen Seiten aneinander entdecken lassen, die im Alltag wertvoll bleiben; er kann aber auch Nähe simulieren, weil Pflichten, Zeitdruck und gewohnte Konflikte vorübergehend fehlen. Winterliche Geborgenheit kann der Anfang einer dauerhaften Bindung sein; sie kann ebenso ein Schutz vor Einsamkeit sein, den beide unterschiedlich deuten. Selbstführung bedeutet hier nicht, Gefühle zu kontrollieren, sondern ihre Bedingungen mitzudenken.


Wer Klarheit sucht, kann deshalb weniger den Kalender als die eigene Erwartung prüfen. Würde ich diese Person auch in meinem gewöhnlichen Alltag sehen wollen? Suche ich gerade sie oder vor allem Entlastung von Einsamkeit, Stress oder Langeweile? Haben wir über Verbindlichkeit gesprochen, oder übernimmt eine Jahreszeit stillschweigend die Regie? Und bleibt zwischen Anziehung und gemeinsamer Zukunft genug Raum, um aus einem intensiven Moment eine tragfähige Entscheidung werden zu lassen? Solche Fragen entzaubern Liebe nicht. Sie schützen sie vor einer Verwechslung: Ein günstiger Augenblick kann eine Begegnung ermöglichen, aber er kann ihre Bedeutung nicht allein bestimmen.


Der Sommer schenkt mehr Bühne, der Winter mehr Kulisse. Was daraus wird, entscheidet nicht die Jahreszeit, sondern das, was zwei Menschen auch nach ihrem Wechsel miteinander anfangen.



Reflexionsfragen:


  1. Welche meiner früheren Beziehungen oder Begegnungen waren möglicherweise stärker an Urlaub, Feiertage oder eine besondere Lebensphase gebunden, als ich damals wahrnahm?


  2. Verändert sich bei mir mit den Jahreszeiten tatsächlich das Bedürfnis nach Nähe – oder nur die Zahl der Gelegenheiten, es auszuleben?


  3. Woran erkenne ich, ob ich einen bestimmten Menschen suche oder vor allem Schutz vor Einsamkeit, Routine oder Stress?


  4. Welche Erfahrung müsste eine neue Verbindung außerhalb ihrer ursprünglichen Kulisse bestehen, damit ich ihr dauerhaft vertraue?


SEO-TITEL



META-DESCRIPTION



URL-SLUG


sommerflirt-cuffing-season-liebe-jahreszeiten


FOKUS-KEYWORD



BILDDATEINAME


liebe-jahreszeiten-sommerflirt-winternaehe.jpg


ALT-TEXT


Abstrakte Illustration über Sommerflirt, winterliche Nähe und den saisonalen Rhythmus von Liebe und Partnersuche.


BILDBESCHREIBUNG


Eine helle, abstrakte Magazinillustration verbindet offene sommerliche Bewegungsformen mit einer ruhigeren, verdichteten Winterstruktur. Zwei Linien begegnen sich in der Mitte, ohne ein Paar plakativ darzustellen.


TEASER


Im Sommer locken Begegnung und Abenteuer, im Winter Geborgenheit und Bindung – so erzählt es zumindest unsere Kultur. Die Forschung findet tatsächlich saisonale Spuren im Liebesleben, doch sie führen weniger eindeutig zu Hormonen als zu Urlaub, Feiertagen und veränderten Gelegenheiten.


SOCIAL-TEXT


Macht der Sommer flirtbereit und der Winter treu? Die Forschung zeigt saisonale Muster bei Lust und Begegnung – aber auch, wie schnell wir aus Gelegenheit ein Liebesgesetz machen.


VORSCHLÄGE FÜR INTERNE VERLINKUNGEN


„Wie die Sonne das Denken beflügelt“ aus der Serie „Die Psychologie der Jahreszeiten“.


„Der Kalender sitzt mit am Entscheidungstisch“ aus der Serie „Die Psychologie der Jahreszeiten“.


Passende Beiträge auf SonneckX zu Einsamkeit, Beziehungserwartungen, Entscheidungen unter Emotionen und der Psychologie des Urlaubs.


VORSCHLÄGE FÜR EXTERNE VERLINKUNGEN


Statistisches Bundesamt: Geburtenkalender Deutschland.


Scientific Reports: Studie zu Tageslänge, Ovulation und protokolliertem Sexualverhalten.


Scientific Reports: Internationale Studie zu kulturell geprägten Sexual- und Geburtenzyklen.


Quellen:

Koldehoff, Sarah: „Warum wir im Sommer flirten und im Winter Treue schwören“, Spektrum der Wissenschaft, 4. April 2026. Verwendet als journalistischer Ausgangspunkt und zur Einordnung der diskutierten Einzelstudien.

Shanmugam, Divya; Espinosa, Matthew; Gassen, Jeffrey; van Lamsweerde, Agathe; Pearson, Jack T.; Benhar, Eleonora; Hill, Sarah und weitere: „A multi-site study of the relationship between photoperiod and ovulation rate using Natural Cycles data“, Scientific Reports, Band 13, 2023. Verwendet für Tageslänge, Ovulation, Libido und protokolliertes Sexualverhalten sowie deren methodische Grenzen.

Miller, David; Gurayah, Aaron; Weber, Alexander; Schuppe, Kyle; Zarli, Mohamadhusni; Dullea, Alexandra; Hwang, Kathleen; Ramasamy, Ranjith: „Seasonal Variation in Serum Testosterone Levels: Evidence from 2 Large Institutional Databases“, Urology Research and Practice, Band 49, Ausgabe 5, 2023. Verwendet für den Nullbefund zur saisonalen Testosteronvariation in Miami und Pittsburgh.

Santi, Daniele; Spaggiari, Giorgia; Granata, Antonio R. M.; Setti, Monica; Tagliavini, Simonetta; Trenti, Tommaso; Simoni, Manuela: „Seasonal Changes of Serum Gonadotropins and Testosterone in Men Revealed by a Large Data Set of Real-World Observations Over Nine Years“, Frontiers in Endocrinology, Band 10, 2020. Verwendet für saisonale Hormonsignale und deren begrenzte Stärke.

Zornitzki, Tali und weitere: „Seasonal Variation of Testosterone Levels in a Large Cohort of Men“, International Journal of Endocrinology, 2022. Verwendet für abweichende saisonale Testosteronbefunde.

Guéguen, Nicolas: „Weather and Courtship Behavior: A Quasi-Experiment with the Flirty Sunshine“, Social Influence, Band 8, Ausgabe 4, 2013. Verwendet für das Feldexperiment zu Sonnenschein und der Bereitschaft, eine Telefonnummer herauszugeben.

Adamopoulou, Effrosyni: „New Facts on Infidelity“, Economics Letters, Band 121, Ausgabe 3, 2013. Verwendet für die saisonale Häufung selbst berichteter Untreue bei jungen Erwachsenen in den USA.

Markey, Patrick M.; Markey, Charlotte N.: „Seasonal Variation in Internet Keyword Searches: A Proxy Assessment of Sex Mating Behaviors“, Archives of Sexual Behavior, Band 42, 2013. Verwendet für die winterlichen und frühsommerlichen Spitzen sexueller und partnerschaftsbezogener Suchanfragen.

Wood, Ian B.; Varela, Pedro L.; Bollen, Johan; Rocha, Luis M.; Gonçalves-Sá, Joana: „Human Sexual Cycles are Driven by Culture and Match Collective Moods“, Scientific Reports, Band 7, 2017. Verwendet für den internationalen Vergleich von Feiertagen, Onlinesuchen, kollektiver Stimmung und Geburtenzyklen.

Hong, Jiewen; Sun, Yacheng: „Warm It Up with Love: The Effect of Physical Coldness on Liking of Romance Movies“, Journal of Consumer Research, Band 39, Ausgabe 2, 2012. Verwendet für den Zusammenhang zwischen körperlicher Kälte, psychologischer Wärme und der Vorliebe für romantische Filme.

Wellings, Kaye; Macdowall, Wendy; Catchpole, Mike; Goodrich, Jennifer: „Seasonal Variations in Sexual Activity and Their Implications for Sexual Health Promotion“, Journal of the Royal Society of Medicine, Band 92, 1999. Verwendet für die historische Einordnung saisonaler Muster sexueller Aktivität.

Macdowall, Wendy; Wellings, Kaye; Stephenson, Judith; Glasier, Anna: „Summer Nights: A Review of the Evidence of Seasonal Variations in Sexual Health Indicators Among Young People“, Health Education, Band 108, 2008. Verwendet für den Forschungsüberblick zu saisonalen Sexualitäts- und Gesundheitsindikatoren bei jungen Menschen.

Keivabu, Risto Conte: „Changes in Birth Seasonality in East and West Germany, 1946–2017“, Comparative Population Studies, 2025. Verwendet für die historische Verschiebung der Geburtenmuster in Ost- und Westdeutschland.

Statistisches Bundesamt: „Geburtenkalender Deutschland 2020 bis 2025“, Wiesbaden, 2026. Verwendet für die aktuelle Einordnung geburtenreicher Tage und Monate in Deutschland.

Kommentare


bottom of page