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Das Jahr, das es nie gab: Wo Europas Geschichte wirklich begann

1. Okt.
7 Min. Lesezeit

Um die Zeitenwende festigte Augustus seine Herrschaft, im Partherreich stieg eine ehemalige Sklavin zur Königin auf, und in Judäa wuchs ein Kind heran, dessen Botschaft erst Jahrzehnte später die Welt verändern sollte. Europas Fundamente entstanden damals tatsächlich – nur anders, als unsere Rückschau glauben lässt.

Das Jahr null hat einen entscheidenden Nachteil: Es hat nie stattgefunden. In der historischen christlichen Zeitrechnung folgt auf das Jahr 1 vor Christus unmittelbar das Jahr 1 nach Christus. Die Null, ohne die heute kein Taschenrechner und kaum ein Bankkonto auskäme, war im europäischen Kalender nicht vorgesehen. Erst im 6. Jahrhundert entwarf der Mönch Dionysius Exiguus jene Zählung, die Christi Geburt zum Angelpunkt der Geschichte erklärte; dabei lag er nach heutiger Einschätzung um einige Jahre daneben. Jesus wurde wahrscheinlich zwischen 6 und 4 vor Christus geboren. Die Menschen, die wir gedanklich um eine imaginäre Null versammeln, standen also nicht an einem Silvesterabend und warteten auf den Beginn des Abendlandes. Sie kannten weder das Datum noch die Rolle, die Nachgeborene ihnen zuweisen würden. Gerade darin liegt der Reiz dieses historischen Standpunkts. „Das Jahr null“ ist keine Jahreszahl, sondern eine rückwärts aufgestellte Bühne. Auf ihr erscheinen Augustus, die parthische Königin Musa und Jesus von Nazareth gleichzeitig, obwohl sich ihre Geschichten nur teilweise berühren und ihre späteren Wirkungen noch vollkommen offen waren. Wer diese Bühne betritt, sollte deshalb weniger nach einem Geburtstag Europas suchen als nach einer Konstellation: nach politischen Ordnungen, religiösen Erwartungen und wirtschaftlichen Verbindungen, aus denen spätere Jahrhunderte etwas formten, das sie Europa nannten.

In Rom hatte Augustus die Entscheidung längst herbeigeführt. Seit 27 vor Christus trug Octavian seinen neuen Ehrennamen, und um die Zeitenwende war aus dem Sieger der Bürgerkriege der kaum anfechtbare Mittelpunkt eines Reiches geworden, das weiterhin so tat, als sei es eine Republik. Senat, Ämter und alte Würden blieben bestehen; die entscheidende Macht sammelte sich dennoch bei einem Einzelnen. Diese Verbindung aus bewahrter Form und veränderter Wirklichkeit war eine der folgenreichsten Erfindungen des Prinzipats. Augustus musste die Republik nicht feierlich abschaffen. Es genügte, ihre Institutionen so anzuordnen, dass sie seinen Vorrang bestätigten. Auch der vielgerühmte Frieden war von besonderer Art. Die Pax Augusta bedeutete vor allem das Ende der römischen Bürgerkriege und die Berechenbarkeit imperialer Herrschaft; an den Grenzen wurde weiterhin gekämpft, erobert und unterworfen. Das Reich bot Straßen, Städte, Rechtsräume, Münzen und eine erstaunliche Infrastruktur der Zirkulation, aber diese Ordnung beruhte auf Steuern, Militärmacht und Sklaverei. Europas politische Tradition erbte von Rom daher keinen reinen Schatz, sondern ein widersprüchliches Instrumentarium: Recht und Gewalt, Bürgerschaft und Ausschluss, Verwaltung und Ausbeutung, die öffentliche Sprache republikanischer Tugend und die praktische Konzentration von Macht. Dass diese Mischung bis in moderne Verfassungsstaaten hinein vertraut wirkt, ist kein Beweis für ewige römische Weisheit. Es könnte ebenso gut bedeuten, dass bestimmte politische Tricks außerordentlich haltbar sind.

Östlich der römischen Einflusszone lag das Partherreich, nicht als exotischer Rand, sondern als ebenbürtige Großmacht. Rom hatte die Katastrophe von Carrhae nicht vergessen, bei der 53 vor Christus ein römisches Heer vernichtet worden war. Augustus erreichte 20 vor Christus auf diplomatischem Weg die Rückgabe der damals verlorenen Feldzeichen und ließ diesen Erfolg darstellen, als habe er einen Krieg gewonnen. In diesem Umfeld erscheint Musa. Sie war vermutlich eine aus Italien stammende Sklavin, die Augustus dem parthischen König Phraates IV. übergab. Am Hof stieg sie zur Gemahlin und Königin auf, setzte die Nachfolge ihres Sohnes Phraatakes durch und trat mit ihm seit etwa 2 vor Christus als Mitregentin auf. Münzen zeigen ihr Porträt und ihren Titel – ein außergewöhnlich starkes materielles Zeugnis weiblicher Herrschaft. Die später erzählten Geschichten, sie habe Phraates vergiftet und den eigenen Sohn geheiratet, sind dagegen mit Vorsicht zu behandeln; antike Berichte über mächtige Frauen liebten Gift, Sexualität und moralische Empörung schon lange, bevor Boulevardzeitungen das Verfahren industrialisierten. Musas Aufstieg bleibt auch ohne diese Dramaturgie bemerkenswert. Er zeigt, wie durchlässig die vermeintlich festen Grenzen zwischen Rom und Parthien sein konnten. Menschen wurden verschenkt, verheiratet, als Geiseln ausgetauscht oder zu politischen Akteuren. Luxusgüter, Silber, diplomatische Gesten und dynastische Interessen wanderten in beide Richtungen. Die Geschichte der ehemaligen Sklavin auf dem parthischen Thron ist deshalb nicht bloß eine exotische Episode. Sie macht sichtbar, dass die antike Welt aus Beziehungen bestand, die weder in die Vorstellung zweier geschlossener Kulturblöcke noch in eine saubere europäische Ursprungserzählung passen.

Auch die dritte Figur dieser Konstellation entzieht sich der bequemen Gleichzeitigkeit. Jesus predigte nicht im Jahr null. Sein öffentliches Auftreten begann wahrscheinlich erst gegen Ende der zwanziger Jahre unserer Zeitrechnung, unter Kaiser Tiberius und in der Amtszeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus. Um die Zeitenwende war er, sofern die wahrscheinliche Datierung seiner Geburt zutrifft, ein Kind im jüdischen Palästina. Seine spätere Verkündigung gehörte zunächst vollständig in die religiösen und politischen Debatten des Judentums. Die Rede vom Reich Gottes, die Erwartung einer nahen Umkehr der Verhältnisse und die Schärfe seiner ethischen Forderungen lassen sich nicht verstehen, wenn man Jesus schon im Voraus zum Gründer einer europäischen Religion erklärt. Viele Forscher ordnen ihn in die apokalyptischen Strömungen seiner Zeit ein; andere betonen stärker den Weisheitslehrer, Heiler oder Sozialkritiker. Sicher ist, dass er weder eine europäische Kirche noch eine christliche Zivilisation vor Augen hatte. Diese entstanden durch Deutungen, Konflikte und institutionelle Entscheidungen nach seinem Tod: durch Paulus und andere Missionare, durch Gemeinden in den Städten des östlichen Mittelmeerraums, durch die Übersetzung jüdischer Traditionen in griechische Begriffe und schließlich durch die Verbindung der Kirche mit der römischen Macht. Der spätere Erfolg war um die Zeitenwende keineswegs programmiert. Wer ihn als zwangsläufig behandelt, verwechselt das Wissen um das Ergebnis mit einer Eigenschaft des Anfangs.

Aus größerer Entfernung wird die Vorstellung, Europas Fundamente seien in einem europäischen Binnenraum gelegt worden, noch fragwürdiger. Um die Zeitenwende verbanden Handels- und Kommunikationsnetze den römischen Mittelmeerraum mit Parthien, Zentralasien, Indien und dem China der Han-Dynastie. Es gab nicht die eine Seidenstraße, sondern wechselnde Land- und Seewege, auf denen Waren meist in vielen Etappen weitergereicht wurden. Seide, Gewürze, Glas, Metalle und Edelsteine wechselten Besitzer; mit ihnen reisten Techniken, Motive, Erzählungen und Kenntnisse. In China gewann Wang Mang am Hof entscheidenden Einfluss und wurde nach dem Tod des Kaisers Ai im Jahr 1 vor Christus Regent für den jungen Kaiser Ping; 9 nach Christus gründete er seine eigene Xin-Dynastie und versuchte Reformen, die später ebenso gern idealisiert wie verdammt wurden. Im Indischen Ozean verband der Monsunhandel Häfen am Roten Meer mit Arabien und Indien. Ägypten war seit 30 vor Christus römische Provinz, zugleich Kornkammer, Steuerquelle und Tor zu diesen südlichen Routen. Ein Römer konnte China nur schemenhaft kennen, und ein Gelehrter am Han-Hof hatte von Augustus kaum ein brauchbares Bild. Dennoch wirkten beide in einer Welt, deren entfernte Regionen wirtschaftlich und politisch aufeinander reagierten. Nicht globale Einheit, wohl aber globale Verflechtung begann lange vor dem modernen Begriff der Globalisierung.

Für die These von den europäischen Fundamenten spricht dennoch einiges. Um die augusteische Zeit verdichteten sich Formen, die Europas spätere Geschichte tief prägten. Das römische Reich stabilisierte eine politische und rechtliche Ordnung, deren Begriffe, Texte und Institutionen nach dem Untergang des Westreichs immer wieder aufgegriffen wurden. Latein wurde zur Sprache von Kirche, Gelehrsamkeit und Verwaltung. Städte und Verkehrsachsen überdauerten politische Brüche. Das Christentum, aus einem jüdischen Milieu hervorgegangen, verband sich über Jahrhunderte mit griechischer Philosophie und römischer Organisation. Selbst dort, wo man sich gegen Rom stellte, geschah dies häufig in römischen Kategorien. Renaissance, Humanismus, Revolution und moderner Verfassungsstaat betrieben ihre Auseinandersetzungen mit einem Altertum, das sie zugleich bewunderten, erfanden und für die eigenen Zwecke zurechtschnitten. „Fundament“ ist deshalb nicht völlig falsch. Der Begriff beschreibt eine reale Langzeitwirkung, sofern man ihn nicht mit einem fertigen Bauplan verwechselt. Um die Zeitenwende lagen wichtige Materialien bereit: imperiale Verwaltung, republikanische Erinnerung, universaler Herrschaftsanspruch, jüdischer Monotheismus, griechische Begriffsarbeit und weiträumige Ökonomien. Ihre spätere Verbindung war jedoch weder selbstverständlich noch vollständig.

Der Einwand gegen diese Erzählung wiegt ebenso schwer. Von „Europas Geburt“ zu sprechen, kann die Geschichte unmerklich auf ein Ziel zulaufen lassen, das nur aus unserer Perspektive existiert. Das Römische Reich war keine frühe Europäische Union mit schlechteren Straßenbelägen. Sein Schwerpunkt lag im Mittelmeer; seine reichsten und intellektuell lebendigsten Regionen befanden sich auch in Nordafrika und im Nahen Osten. Alexandria, Antiochia, Ephesos und Karthago waren für diese Welt mindestens so wichtig wie viele Orte, die heute im Zentrum europäischer Selbstbilder stehen. Die christliche Tradition kam aus Judäa, ihre heiligen Texte wurzelten im Judentum und entstanden überwiegend im östlichen Mittelmeerraum. Selbst die klassische Kultur Roms war ohne Griechenland, Ägypten, Phönizien und die Reiche des Vorderen Orients nicht denkbar. Wer all dies nachträglich als „europäisches Erbe“ verbucht, gleicht einem Erben, der den gesamten Familienbesitz beansprucht und die Verwandtschaft auf den anderen Kontinenten bei der Testamentseröffnung nicht erwähnt. Dazu kommt die Auswahlverzerrung: Wir betrachten Augustus und Jesus, weil wir wissen, was aus dem Imperium und dem Christentum wurde. Unzählige damals plausible Zukünfte verschwinden aus dem Bild. Parthien hätte länger dominieren, die römische Expansion anders enden, das Christentum eine kleine jüdische Bewegung bleiben können. Geschichte besitzt keine Pflicht, auf unsere Gegenwart zuzusteuern.

Vielleicht ist das Jahr null gerade deshalb ein guter Denkraum, weil es als Datum scheitert. Es zwingt dazu, zwischen gleichzeitigem Geschehen und späterer Bedeutung zu unterscheiden. Augustus begründete keine europäische Moderne, Musa verkörperte kein modernes Emanzipationsprogramm, und Jesus entwarf kein christliches Abendland. Alle drei handelten in eigenen Horizonten. Was später aus ihren Welten hervorging, entstand durch lange Ketten von Aneignung und Verlust, Übersetzung und Gewalt, Zufall und bewusster Entscheidung. Europas Fundamente wurden um die Zeitenwende gelegt, wenn damit nicht ein geografisch reiner Ursprung gemeint ist, sondern eine Baustelle, auf der Materialien aus dem gesamten Mittelmeerraum und weit darüber hinaus zusammenkamen. Europa ist in dieser Sicht weniger die Quelle als ein späteres Gefäß: Es nahm römische, griechische, jüdische, christliche, ägyptische und orientalische Überlieferungen auf, ordnete sie neu und erklärte das Ergebnis irgendwann zur eigenen Tradition. Das mindert ihre Bedeutung nicht. Es macht sie historisch wahrer und politisch anspruchsvoller. Denn wer seine Grundlagen als Ergebnis von Austausch begreift, muss Fremdes nicht als Bedrohung der eigenen Identität behandeln; er erkennt darin eine ihrer ältesten Bedingungen. Geschichte beginnt selten dort, wo spätere Kalender eine Null vermuten. Sie beginnt überall dort, wo Menschen Ordnungen schaffen, die andere Jahrhunderte übernehmen, umdeuten – und irgendwann für ihre eigenen Fundamente halten. Literaturtipp: Malangré, Heinz, Blicke auf Europa, ISBN 978-3980505635 Miesbach 2012, EFF ESS Verlagsanstalt, Inh. Dr. Florian Sonneck,

Quellen und Literatur:

Aisslinger, Moritz: Im Jahr Null. Rom, Ägypten und ein Prophet in Palästina. Propyläen, Berlin 2026.

Beard, Mary: SPQR. A History of Ancient Rome. Liveright, New York 2015.

Benjamin, Craig: Empires of Ancient Eurasia. The First Silk Roads Era, 100 BCE–250 CE. Cambridge University Press, Cambridge 2018.

Eck, Werner: The Age of Augustus. 2. Auflage, Blackwell, Oxford 2007.

Feeney, Denis: Caesar’s Calendar. Ancient Time and the Beginnings of History. University of California Press, Berkeley 2007.

Fredriksen, Paula: Jesus of Nazareth, King of the Jews. Knopf, New York 1999. Sanders, E. P.: The Historical Figure of Jesus. Penguin, London 1993.

Scheidel, Walter (Hg.): Rome and China. Comparative Perspectives on Ancient World Empires. Oxford University Press, Oxford 2009.

Schlude, Jason M.: Rome, Parthia, and the Politics of Peace. The Origins of War in the Ancient Middle East. Routledge, London/New York 2020.


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