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Geschichte, die sich nicht für unfehlbar hält

vor 6 Tagen
4 Min. Lesezeit


Warum Herbert Rosendorfers „Deutsche Geschichte“ weit mehr ist als ein Standardwerk

Herbert Rosendorfer (1934 - 2012) beginnt seine „Deutsche Geschichte“ mit einer bemerkenswerten Untertreibung. Er nennt sie „Ein Versuch“. Das klingt, als habe sich hier jemand an einem verregneten Sonntagnachmittag vorgenommen, einmal nachzusehen, wie es eigentlich mit den Deutschen gewesen sei. Tatsächlich entstanden sechs umfangreiche Bände, die von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches führen. Andere hätten das Ergebnis vermutlich „Monumentale Gesamtdarstellung“ genannt. Rosendorfer bevorzugte die intellektuell redlichere Variante: einen Versuch. Denn wer die deutsche Geschichte vollständig, endgültig und widerspruchsfrei erklären will, hat sie wahrscheinlich noch nicht lange genug studiert.

Rosendorfers Werk ist kein Standardwerk im üblichen Sinne. Es bietet weder die beruhigende Neutralität eines Lexikons noch die wissenschaftliche Schutzkleidung aus Fußnoten, Forschungsberichten und methodischen Vorbemerkungen. Es ist etwas Selteneres: die persönliche, kenntnisreiche und ausgesprochen sprachbewusste Durchquerung einer Vergangenheit, die sich jeder geraden Linie beharrlich widersetzt. Rosendorfer sammelt nicht bloß Daten, Herrscherfolgen und Schlachten. Er fragt, was Menschen glaubten, was sie sich einbildeten, worüber sie stritten und weshalb sie mit beträchtlichem Aufwand Ergebnisse hervorbrachten, die vermutlich niemand geplant hatte.

Gerade darin liegt die besondere Qualität dieser Bücher. Geschichte erscheint bei Rosendorfer nicht als sauber aufgeräumtes Gebäude, in dem jede Epoche ihr beschriftetes Zimmer bewohnt. Sie gleicht eher einem alten mitteleuropäischen Haus, das über Jahrhunderte erweitert wurde: Hier eine romanische Mauer, dort ein barocker Erker, dazwischen eine Treppe, die aus politischen Gründen nirgendwohin führt. Wer verstehen will, warum Deutschland wurde, was es wurde, muss sich auf dieses Gebäude einlassen. Ein moderner Grundriss allein hilft wenig.


Rosendorfer war kein Historiker im engeren akademischen Sinne und ebenso wenig Philologe von Ausbildung. Er war Jurist, Richter, Schriftsteller und Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte. Doch er näherte sich der Vergangenheit mit etwas, das man philologische Aufmerksamkeit nennen darf: mit einem feinen Gespür für Sprache, Begriffe, Überlieferungen und Bedeutungsverschiebungen. Er wusste, dass Wörter historische Tatorte sind. Begriffe wie Reich, Nation, Kaiser, Volk oder Freiheit bedeuten im Mittelalter nicht einfach dasselbe wie heute, nur in Frakturschrift. Wer moderne Vorstellungen unbesehen in frühere Jahrhunderte zurückträgt, erhält keine Geschichte, sondern ein Kostümdrama mit aktuellen Dialogen.

Vielleicht musste gerade ein Jurist diese Geschichte schreiben. Juristen wissen, dass zwischen einer Vorschrift und der Wirklichkeit bisweilen ein Abstand liegt, in dem ganze Königreiche Platz finden. Sie sind mit widersprüchlichen Aussagen, konkurrierenden Ansprüchen und nachträglich geschönten Begründungen vertraut. Rosendorfer betrachtet Urkunden, Herrschaftsansprüche und politische Rechtfertigungen deshalb nicht mit der Ehrfurcht eines Archivtouristen. Er prüft ihre innere Logik und erkennt, wo Macht sich als Recht verkleidet – oder Recht als Macht auftritt. Ein mittelalterlicher Kaiser erscheint bei ihm nicht deshalb bedeutend, weil ein Reiterstandbild dies behauptet. Er muss sich im Text gewissermaßen noch einmal der Beweisaufnahme stellen.

Hinzu kommt der Schriftsteller. Rosendorfer konnte erzählen, ohne Geschichte in bloße Unterhaltung zu verwandeln. Er wusste, dass historische Zusammenhänge erst dann im Gedächtnis bleiben, wenn Menschen in ihnen sichtbar werden. Seine Kaiser, Päpste, Fürsten und Reformatoren stehen nicht als marmorne Repräsentanten ihrer Epoche herum. Sie handeln, irren, hoffen, intrigieren und scheitern. Manche tragen gewaltige Titel und besitzen dennoch eine erstaunlich überschaubare Urteilskraft – ein Missverhältnis, das bekanntlich nicht mit dem Mittelalter endete.

Die Ironie ist dabei kein dekorativer Zusatz. Sie bildet eine Methode der Erkenntnis. Rosendorfer nimmt die Vergangenheit ernst, aber er unterwirft sich nicht ihrem Pathos. Er lässt sich weder von Krönungen noch von Schlachtengemälden einschüchtern und bewahrt auch gegenüber großen historischen Erzählungen eine gewisse höfliche Skepsis. Wo nationale Geschichtsschreibung gern einen jahrhundertelangen Plan erkennen möchte, entdeckt er Zufälle, Missverständnisse, dynastische Verlegenheiten und improvisierte Lösungen. Das Heilige Römische Reich erscheint dadurch weder als glorreicher Vorläufer des Nationalstaates noch als tausendjähriger Betriebsunfall, sondern als eine eigentümliche politische Ordnung, die gerade wegen ihrer Widersprüche erstaunlich lange funktionierte.

Diese Ironie ist jedoch selten zynisch. Sie richtet sich vor allem gegen die Selbstgewissheit der Mächtigen und gegen die Eitelkeit späterer Deuter. Rosendorfer verspottet nicht das Leiden der Menschen, sondern die feierlichen Begründungen, mit denen dieses Leiden verursacht oder nachträglich gerechtfertigt wurde. Das unterscheidet historischen Witz von bloßer Pointe. Der Witz verkleinert die Geschichte nicht. Er bringt ihre menschlichen Proportionen zurück.

Natürlich ersetzen Rosendorfers Bände keine aktuelle Fachliteratur. Sie sind subjektiv, gelegentlich entschieden und mitunter so überzeugt formuliert, dass ein heutiges Forschungsseminar unverzüglich um Wortmeldungen bäte. Neuere Fragestellungen zur Sozial-, Geschlechter-, Umwelt- oder Globalgeschichte stehen nicht im Mittelpunkt. Wer einzelne Themen wissenschaftlich bearbeiten möchte, wird spezialisierte Studien und Quelleneditionen benötigen. Aber genau deshalb sollte man Rosendorfer nicht wie ein Nachschlagewerk benutzen. Seine Bücher wollen weniger das letzte Wort sprechen als das eigene Denken in Bewegung setzen.

Ein Standardwerk beantwortet Fragen. Rosendorfers „Deutsche Geschichte“ tut etwas Wertvolleres: Sie zeigt, weshalb vermeintlich einfache Antworten meist aus einer unzulässigen Verkürzung bestehen. Der Autor ordnet, urteilt und erzählt, ohne so zu tun, als ließe sich die Vergangenheit abschließend versiegeln. Seine Subjektivität wird nicht verborgen, sondern kenntlich gemacht. Das ist wissenschaftlich redlicher als manche Darstellung, die ihre Perspektive hinter einem amtlichen Tonfall verschwinden lässt.

Die sechs Bände sind deshalb zugleich Geschichtswerk, literarischer Essay und Schule des historischen Urteils. Man liest sie nicht nur, um zu erfahren, was geschehen ist. Man liest sie, um zu beobachten, wie ein außerordentlich gebildeter, skeptischer und sprachmächtiger Kopf über das Geschehene nachdenkt. Rosendorfer führt seine Leser nicht durch ein Museum gesicherter Wahrheiten. Er nimmt sie mit in die Werkstatt historischer Deutung, wo die Quellen widersprechen, die Begriffe schwanken und der Weltgeist gelegentlich den Eindruck erweckt, er habe die Akten verlegt.

Gerade darin liegt die bleibende Größe dieses „Versuchs“. Rosendorfer macht die deutsche Geschichte weder kleiner noch größer, als sie war. Er macht sie menschlicher. Und vielleicht ist das mehr, als man von einem Standardwerk vernünftigerweise verlangen kann.

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