Die Zeitstörung. Eine Geschichte aus der Schule.

Der Wecker klingelte um 7:30 Uhr. Felix schlug die Augen auf und wusste sofort: Das wird ein langweiliger Tag.
Mathe, Deutsch, Geschichte. Nichts Besonderes. Kein Ausflug, kein Test, nicht einmal Sport. Einfach nur sitzen, zuhören, mitschreiben. Er zog sich langsam an, stopfte sein Pausenbrot in den Rucksack und trottete zur Schule.
Schon in der ersten Stunde begann es. Herr Krüger schrieb Zahlen an die Tafel, erklärte irgendetwas über Brüche, und Felix’ Blick wanderte immer wieder zum Fenster. Draußen bewegten sich die Wolken ungewöhnlich schnell. Fast so, als würden sie vor etwas fliehen.
„Felix, kannst du mir folgen?“Er zuckte zusammen. „Äh… ja.“
Konnte er nicht.
In der zweiten Stunde, Deutsch, fiel ihm plötzlich etwas Seltsames auf. Die Uhr über der Tür… sie tickte nicht mehr. Der Sekundenzeiger stand still. Felix runzelte die Stirn. Niemand sonst schien es zu bemerken.
Er hob vorsichtig die Hand. „Die Uhr ist kaputt.“
Die Lehrerin sah kurz hin. „Nein, sie funktioniert doch.“
Felix schaute wieder hoch.
Der Sekundenzeiger bewegte sich plötzlich wieder — aber schneller. Viel schneller. Er raste im Kreis.
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
In der Pause wollte er frische Luft schnappen. Doch als er auf den Schulhof trat, war alles… still. Unheimlich still. Die anderen Schüler standen wie eingefroren. Ein Ball hing mitten in der Luft. Ein Mädchen lachte — aber ohne Geräusch.
„Okay… das ist nicht normal“, murmelte Felix.
„Natürlich ist es das nicht.“
Felix fuhr herum. Hinter ihm stand ein Junge, den er noch nie gesehen hatte. Schwarze Haare, seltsame, leuchtende Augen.
„Wer bist du?“ fragte Felix.
„Jemand, der nicht eingefroren ist. Genau wie du.“
Felix schaute wieder auf den Hof. „Was ist hier los?“
Der fremde Junge grinste leicht. „Zeitstörung.“
„Zeit… was?“
„Jemand hat die Zeit manipuliert. Und wenn wir nichts tun, bleibt sie für immer stehen.“
Felix schluckte. „Wir?“
„Du kannst dich bewegen, während alles andere stillsteht. Das passiert nicht ohne Grund.“
Bevor Felix antworten konnte, begann der Himmel sich zu verändern. Die Wolken zogen sich zusammen, wurden dunkel, fast schwarz — und in ihrer Mitte öffnete sich etwas. Ein Riss.
Ein Riss im Himmel.
„Das ist der Ursprung“, sagte der Fremde ernst. „Da müssen wir hin.“
„In den Himmel?!“
„Keine Zeit für Fragen.“
Der Boden begann leicht zu vibrieren. Risse zogen sich über den Asphalt des Schulhofs.
Felix langweiliger Schultag war endgültig vorbei.
„Okay“, sagte er, atmete tief durch. „Was muss ich tun?“
Der fremde Junge lächelte. „Spring.“
„Springen?! Wohin?!“
Doch in diesem Moment zog etwas Unsichtbares an Felix. Nach oben. Direkt auf den Riss im Himmel zu.
Er schrie — doch kein Geräusch kam heraus.
Die Schule wurde kleiner, der Schulhof verschwand, und plötzlich war Felix mitten in den Wolken. Um ihn herum flackerten Bilder: Klassenzimmer, Menschen, ganze Städte — alles eingefroren.
„Die Zeit bricht auseinander“, rief der Fremde neben ihm.
Vor ihnen erschien eine Gestalt. Groß, dunkel, mit Augen wie leuchtende Uhren.
„Ihr hättet euch nicht einmischen sollen“, sagte sie mit einer Stimme, die wie tickende Zahnräder klang.
Felixs Herz raste. „Was… ist das?“
„Der Hüter der Zeit“, flüsterte der andere Junge. „Und er ist nicht besonders freundlich.“
Die Gestalt hob die Hand — und plötzlich begann Felixs Körper sich zu verlangsamen. Seine Bewegungen wurden schwer, als würde die Zeit ihn einholen.
„Nicht… jetzt…“ presste er hervor.
„Kämpf dagegen!“ rief der Fremde.
Felix schloss die Augen. Er dachte an den Morgen. An die Langeweile. An das Gefühl, dass nichts jemals passiert.
Und dann dachte er: Doch.
Er riss die Augen auf — und bewegte sich.
Schnell.
Schneller als zuvor.
Er sprang nach vorne, direkt auf die Gestalt zu. Ein grelles Licht blitzte auf —
Und plötzlich war alles wieder still.
Felix blinzelte.
Er saß im Klassenzimmer.
Herr Krüger stand vorne. Die Uhr tickte ganz normal.
„Felix?“ fragte er. „Die Antwort?“
Felix sah sich um. Alles wirkte… gewöhnlich.
Langweilig.
Er lächelte leicht.
„Ähm… ein Drittel?“ sagte er.
Herr Krüger nickte. „Richtig.“
Felix lehnte sich zurück.
Vielleicht war es doch kein langweiliger Tag gewesen.



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