Herr Keuner und die Stille im Besprechungsraum
- floriansonneck
- 11. Mai
- 1 Min. Lesezeit

Es gibt Unternehmen, die ihre Entwicklung an Marktanalysen erkennen. Andere an sinkenden Umsätzen. Und manche offenbar an neuen Stellenausschreibungen.
Irgendwo also in einer größeren Organisation fanden Bewerbungsgespräche statt, deren kommunikative Dramaturgie sich nur schwer eindeutig einordnen ließ. Vielleicht war es ein Auswahlverfahren. Vielleicht ein Improvisationstheater über Macht, Irritation und die thermische Wirkung schlecht gelüfteter Konferenzräume.
Ein Bewerber — nennen wir ihn Herrn Keuner — erschien dort nicht zum ersten Mal. Bereits nach dem ersten Gespräch blieb ein schwer greifbarer Eindruck zurück: die eigentümliche Mischung aus höflicher Förmlichkeit, kontrollierter Distanz und jener Atmosphäre, die entsteht, wenn Menschen sehr lange Organigramme betrachtet haben.
Beim zweiten Termin entwickelte das Ganze eine beinahe kunstvolle Absurdität. Fragen wurden gestellt, Antworten registriert, Pausen erzeugt — alles vollkommen professionell und zugleich von einer Stimmung begleitet, als hätte Franz Kafka kurzfristig die Moderation übernommen.
Herr Keuner entschied sich irgendwann für einen ungewöhnlichen Schritt: Er beendete das Gespräch freundlich vorzeitig. Nicht aus Empfindlichkeit. Eher aus stillem Interesse an der Frage, wie lange zivilisierte Menschen ein Gespräch fortsetzen können, wenn niemand mehr sicher ist, ob überhaupt noch gesprochen wird.
Wenige Zeit später veröffentlichte das Unternehmen eine Stellenausschreibung: Gesucht wurde ein Kommunikationspsychologe. Und plötzlich wirkte alles fast wieder logisch.
Vielleicht hatte irgendwo jemand in einem internen Vermerk formuliert: „Im Bereich zwischenmenschlicher Resonanz bestehen vereinzelt Entwicklungspotenziale.“
Manchmal beginnen Veränderungen nicht mit Strategiepapieren oder Leitbildern, sondern mit einem Menschen, der höflich den Raum verlässt.




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