Geheimrat-Kustermann-Gedächtnis-Regatta 2026
- floriansonneck
- 7. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Leichter Südwest, lange Linie, feine Entscheidungen
Es war kein Tag für rohe Kraft; es war kein Tag, an dem der Starnberger See mit weiß gekämmten Wellen und hartem Druck im Großsegel die Crews sortiert hätte.
Die Geheimrat-Kustermann-Gedächtnis-Regatta 2026 verlangte etwas anderes: Geduld, sauberes, hochkonzentriertes Segeln, ein Gefühl für die schmalen Windfelder und jene ruhige Präzision, die auf Langstrecken oft mehr wert ist als spektakuläre Manöver. Bei bewölktem Himmel, rund 27 Grad und etwa acht Knoten Südwestwind lag über dem See eine fast klassische Regattaatmosphäre: genug Wind, um die Boote laufen zu lassen, aber zu wenig, um Fehler einfach durch Geschwindikgkeit zu überdecken.
Gesegelt wurde die Langstreckenregatta am 4. Juni 2026 nach Yardstickwertung, veranstaltet vom Bayerischen Yacht-Club. Die Segelanweisungen sahen für 08:00 Uhr eine Steuermannbesprechung mit Wetterbriefing und Sicherheitshinweisen vor, das Startsignal folgte um 09:00 Uhr am Starthaus des BYC.
Das Revier war der Starnberger See; gestartet wurde am Starthaus gegen Süden, die Bahn führte zur steuerbord zu rundenden Bahnmarke etwa 500 Meter vor der Dampferanlegestelle Seeshaupt, das Ziel lag wieder vor dem Starthaus des BYC, so die Ausschreibung (aufgrund des schwachen Windes musste die Strecke Richtung Süden verkürzt werden). Damit war die sportliche Aufgabe klar: eine lange, scheinbar einfache Bahn, die in Wahrheit gerade bei leichtem Südwest viel Aufmerksamkeit verlangt. Auf dem Starnberger See sind acht Knoten keine acht Knoten überall. Die kleinen Windfelder liegen nicht wie ein gleichmäßiger Teppich über dem Wasser, sondern in Bahnen, Streifen und Übergängen. Wer zu tief in ein Loch fuhr, verlor Minuten. Wer zu früh auf eine vermeintliche Windkante vertraute, konnte zusehen, wie ein Konkurrent mit leichtem Druck außen vorbeizog. Die Kunst lag also weniger im Kampf gegen Starkwind als in Wahrnehmung, Timing und sauberer Bootsführung.
Die Startphase erhielt durch den gemeinsamen Start aller gemeldeten Boote besondere Spannung. Klassisches Startverfahren mit Ankündigungssignal, Vorbereitungssignal und I-Flaggen-Regel; symmetrische Spinnaker und asymmetrische Gennaker durften erst nach dem Startsignal, nach dem Überqueren der Startlinie gesetzt werden.
Bei einer Yardstick-Langstrecke mit so unterschiedlichen Bootstypen entsteht dadurch ein eigenes Bild: schnelle, leichte Boote suchen freien Wind und klare Beschleunigung, klassische Kielboote müssen sich aus Abdeckung und Verkehr herausarbeiten, Drachen und H-Boote brauchen vor allem freien Wind.
Die Yardstickwertung brachte ein ausgesprochen vielfältiges Feld zusammen. Die Ausschreibung ordnete die Gruppen nach Yardstickzahlen: Gruppe I bis 99, Gruppe II von 100 bis 107, Gruppe III ab 108. Gewertet wurde nach dem Low-Point-System, zusätzlich zählte die Regatta zur Starnberger See Open-Serie.
Gerade diese Mischung macht den Charakter der Kustermann-Regatta aus: Moderne Binnenracer, 45-qm-Nationale Kreuzer, L95, Drachen, H-Boote, klassische Jollen und weitere reviergerechte Boote segeln dieselbe Langstrecke, doch die Wahrheit steht erst nach berechneter Zeit fest.
An der Spitze der Gesamtwertung setzte sich GER 1 mit Heinrich von Bayern auf dem 18 Footer durch. Die Crew benötigte gesegelt 2:51:52 Stunden, berechnet 3:46:08 Stunden, und gewann damit die Yardstick-Gesamtwertung, Zweiter wurde Markus Glas auf seinem 45-qm-Nationalen Kreuzer P241.
In der Gruppe II, also im Bereich der Yardstickzahlen 100 bis 107, zeigte sich besonders deutlich die Stärke der klassischen Kielboote. Hier gewann der Drachen GER 501. Ihre gesegelte Zeit von 4:29:58 Stunden wurde auf 4:12:18 Stunden berechnet. Dahinter folgte GER 992, ebenfalls Drachen, sowie der 6 Metre N1.
Für die Drachenklasse war das ein bemerkenswerter Tag. Ein DRACHEN ist kein Boot, das in leichtem Wind dominiert, im Gegenteil: Er lebt von seinen 9m Länge, seiner klassischen Linie, dem Trimm und einer immer sauberen Anströmung der Segel. Bei acht Knoten Südwest zählt jede Nuance: Travellerzug, Großschotspannung, Fockholepunkt, leichte Leelage, minimale Ruderausschläge, ständiges Nachtrimmen. Wer zu stark steuert, bremst, wer zu tief fährt, verliert Höhe, wer zu hoch presst, verliert wie immer Geschwindigkeit. Gerade auf einer langen Bahn nach Süden und zurück entscheidet sich viel weniger in einem einzigen Manöver als in der Summe kleiner, konsequenter Entscheidungen.
GER 496 mit Dr. Dietrich Hasse und Dr. Florian Sonneck wurde in der Gruppe II auf Rang 22 geführt. Ihre gesegelte Zeit betrug 5:09:06 Stunden, berechnet wurden 4:48:52 Stunden; in der Gesamtwertung entsprach dies Rang 71. Dieses Ergebnis erzählt nicht nur von einer Platzierung, sondern auch von der sportlichen Wirklichkeit einer langen Yardstickregatta: Wer mit einem Drachen in einem großen, heterogenen Feld unterwegs ist, segelt gegen sehr unterschiedliche Bootskonzepte, gegen berechnete Zeiten und gegen die wechselnde Struktur des Sees.
Gerade unter diesen Bedingungen ist die Leistung sachlich einzuordnen. Leichter bis mäßiger Wind verlangt auf einem Drachen hohe Konzentration. Auf der Kreuz zählt Höhe nur, wenn sie nicht mit zu viel Fahrtverlust bezahlt wird. Auf Raum- und Vorwindkursen muss die Crew den Druck suchen, statt sich allein an der direkten Linie zu orientieren. Tonnenmanöver sind bei solchen Bedingungen weniger spektakulär, aber keineswegs einfach: Wer Fahrt aus dem Manöver mitnimmt, gewinnt Meter; wer das Boot stehen lässt, verliert sie oft für lange Zeit.
Die Kustermann-Regatta ist keine reine Zahlenveranstaltung. Sie lebt von Seglern, die Reviererfahrung, Bootskultur und handwerkliche Präzision mitbringen. Bonzo, GER496, der 60 Jahre alte Holz-Drachen von Dr. Hasse u. Peter Wagner konnte den erfahrenen Segler Michael Kreitmeier vom Chiemsee als Crewmitglied gewinnen, der 45 Jahre einen LOTUS-Schärenkreuzer (MANUYJA) segelte, an hunderten Regatten teilgenommen hatte, immer auf Platzierungen zwischen 1 und 3, oft bei GORLA und CENTOMIGLIA am Gardasee Gruppensieger war, regelmäßig an 24-h-Regatten auf dem Ammersee, Chiemsee und Starnberger See vorne lag, egal ob viel oder wenig Wind war. Kreitmeier ist einer der alten Hasen auf langen, schweren Booten. Das Segeln und das Gespür für´s Boot liegen im fast im Blut. Zwischen Schärenkreuzer-Tradition, Drachenklasse und Yardstick-Langstrecke liegt eine gemeinsame Linie: gutes Segeln entsteht nicht aus Hektik, sondern aus Blick, Gefühl und der Fähigkeit, ein Boot über Stunden im richtigen Modus zu halten.
So blieb die Geheimrat-Kustermann-Gedächtnis-Regatta 2026 ein Rennen der leisen Entscheidungen. Kein Sturm, kein Drama, keine überzeichnete Heldenerzählung — sondern klassischer Segelsport auf einem anspruchsvollen Binnenrevier. Die Besten machten aus wenig Wind viel Strecke. Die Verfolger kämpften um freie Bahnen, saubere Winkel und jedes Stück Druck. Und am Ende zeigte die Ergebnisliste, was Yardstickregatten im besten Sinne ausmacht: unterschiedliche Boote, verschiedene Traditionen, ein gemeinsamer Kurs — und die alte seglerische Wahrheit, dass Geschwindigkeit auf dem Wasser zuerst im Kopf entsteht.



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