Warum die CENTOMIGLIA am Gardasee ihre Faszination nie verliert

1951 wurde die Centomiglia erstmals ausgetragen. Wenn am 5. und 6. September 2026 ihre 76. Ausgabe startet, liegen genau 75 Jahre Regattageschichte hinter ihr. Doch die Centomiglia lebt nicht von der Erinnerung: Mehr als 100 gemeldete Boote, internationale Spitzensegler, spektakuläre Konstruktionen und starke Gardaseeklassen zeigen, warum sie bis heute zu den außergewöhnlichsten Langstreckenregatten Europas gehört.
Es ist noch früh, wenn sich im Hafen von Bogliaco die ersten Konturen der Boote aus der Dunkelheit lösen. Segel werden angeschlagen, Fallen sortiert, letzte Wetterdaten aufgerufen. An Bord spricht man leiser als sonst. Nicht aus Ehrfurcht vor der Geschichte, sondern weil jeder weiß, dass ein langer Tag bevorsteht – und dass der Gardasee selbst den sorgfältigsten Plan schon wenige Minuten nach dem Start für gegenstandslos erklären kann. Niemand steht dafür im Morgengrauen auf, weil eine Regatta traditionsreich ist. Man steht auf, weil man wissen will, was an diesem Tag möglich ist.
1951 vom Circolo Vela Gargnano ins Leben gerufen, entwickelte sich die Centomiglia zu einer der traditionsreichsten Langstreckenregatten auf Binnengewässern. Ihr Name versprach von Anfang an mehr als eine gewöhnliche Wettfahrt. Hundert Meilen bedeuteten Ausdauer, Abenteuer und eine für einen See beinahe maritime Dimension. Die Ufer bleiben zwar meist sichtbar, doch das macht die Aufgabe nicht kleiner. Im Gegenteil: Jeder Hang, jedes Tal und jede steil abfallende Felswand greift in das Windgeschehen ein. Der Gardasee bildet keine gleichmäßige Wasserfläche, sondern ein komplexes meteorologisches System, das seine Regeln kennt, sie aber nicht jedem verrät.
Der eigentliche Gegner ist der See
Peler und Ora gehören zum Grundwortschatz der Gardaseesegler. Wer diese Namen kennt, hat den See jedoch noch lange nicht verstanden. Zwischen dem schmalen, von Bergen eingefassten Norden und dem breiteren Süden verändern sich Windrichtung, Stärke und Wellenbild fortwährend. Fallböen schießen aus den Tälern, Druckfelder wandern über das Wasser, während wenige Hundert Meter daneben Flaute herrscht. Ein Vorsprung kann innerhalb weniger Minuten verschwinden. Ein Boot, das scheinbar hoffnungslos zurückliegt, findet plötzlich den Windstreifen, den alle anderen übersehen haben.
Darin liegt ein wesentlicher Reiz der Centomiglia: Sie verlangt Geschwindigkeit, belohnt aber nicht allein das schnellste Boot. Sie fordert Kondition, doch körperliche Härte genügt ebenso wenig. Entscheidend sind Aufmerksamkeit, Erfahrung und die Fähigkeit, frühere Entscheidungen ohne verletzte Eitelkeit zu korrigieren. Wer stundenlang auf der falschen Seeseite segelt, erhält keine Anerkennung dafür, dass seine ursprüngliche Überlegung ausgesprochen klug gewesen sein mag.
Die Jubiläumsausgabe 2025 zeigte erneut, warum diese Regatta nicht zur Routine werden kann. Der erste Tag brachte zunächst kräftigen Wind, der später beinahe vollständig einschlief; am Sonntag sorgte ein lebhafter Peler für ein gänzlich anderes Rennen. Unter solchen Bedingungen gewinnt nicht zwingend, wer einen einzelnen brillanten Schlag segelt. Den Ausschlag gibt häufig die Mannschaft, die über beide Tage hinweg die wenigsten Fehler macht. Beständigkeit klingt im Segelsport etwas prosaisch – bis man versucht, sie hundert Meilen lang aufrechtzuerhalten.
Auch 2026 bleibt die Centomiglia ihrem inzwischen bewährten Zweitagesformat treu. Am Samstag, dem 5. September, führt der Trofeo Gargnano vom Start vor Bogliaco zunächst zur Freifahrtsmarke vor Gargnano, anschließend weit in den südlichen See bis Desenzano und zurück. Die dortige Bahnmarke wird 2026 wegen des angekündigten Überflugs der Frecce Tricolori etwas weiter nördlich ausgelegt als gewöhnlich. Am Sonntag folgt der 60. Trofeo Gorla: Von Bogliaco geht es über Limone bis nach Torbole und auf dem Rückweg über Navene bei Malcesine wieder ins Ziel. Zwei Kurse, zwei sehr unterschiedliche Hälften des Sees und vermutlich zwei vollkommen verschiedene Regatten.
Der Gesamtsieger erhält die Trofeo Bettoni. Entscheidend ist dabei nicht allein die zuerst überquerte Ziellinie, sondern die kombinierte ORC-Overall-Wertung aus beiden Wettfahrten ohne Streicher. Die schnellsten Boote kämpfen zusätzlich um die Line Honours der beiden Tage. Damit erzählt die Centomiglia stets mehrere Geschichten gleichzeitig: jene der kompromisslosen Geschwindigkeit und jene der nach berechneter Zeit besten seglerischen Leistung.
Mehr als 100 Boote – und ein Feld voller Geschichten
Die vorläufige Meldeliste vom 2. September 2026 umfasst 95 Boote in der ORC-Wertung. Zwölf davon treten Double Handed mit nur zwei Besatzungsmitgliedern an, vier in der neu eingeführten Division ORC Classic für Konstruktionen, deren Serie vor 1990 erstmals zu Wasser gelassen wurde. Zusammen mit Multicento und Cento People spricht der Veranstalter von mehr als 100 gemeldeten Booten; weitere Nachmeldungen sind möglich. Einige Teilnehmer müssen zudem ihr ORC-Zertifikat noch abschließend vorlegen.
Schon die Zahlen der Gardasee-Klassen zeigen, dass die Centomiglia trotz aller internationalen Prominenz fest in der regionalen Segelkultur verankert bleibt. 22 Dolphin 81 bilden die größte Flotte, hinzu kommen 14 Asso 99. Damit wächst die ohnehin starke Dolphin-Klasse gegenüber der Jubiläumsausgabe 2025 noch einmal deutlich. In diesen Einheitsklassen lässt sich die Verantwortung nicht bequem an Material, Vermessungsformeln oder technische Geheimnisse delegieren. Wenn nahezu identische Boote gegeneinander antreten, werden Start, Bootsgeschwindigkeit, Taktik und Manöverqualität schonungslos sichtbar.
Zu den Teilnehmern des Jahres 2026 gehört die Schweizer QFX von Thomas Jundt. Der kompromisslose, für schnelle Seen entwickelte Prototyp gewann 2025 den Trofeo Gargnano und holte dort zugleich die Line Honours. QFX verkörpert jene radikale technische Seite der Centomiglia, die Konstrukteure seit Jahrzehnten dazu verleitet, Boote für genau diese außergewöhnlichen Bedingungen zu entwerfen.
Mit Idefix von Marco Cavallini kehrt der Viertplatzierte der ORC-Gesamtwertung von 2025 zurück, mit Lexotan von Giovanni Montresor der damalige Fünfte, auch die Klassensieger Assterisco bei den Asso 99 und S&You bei den Dolphin 81 sind wieder angekündigt. Sie erinnern daran, dass sich die Qualität des Feldes nicht allein an prominenten Namen ablesen lässt. Viele der stärksten Mannschaften stammen aus den Clubs rund um den See, kennen seine Eigenheiten seit Jahren – und wissen vermutlich gerade deshalb, wie wenig man sich auf dieses Wissen verlassen darf.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem britischen Segler Jo Richards. Der Bronzemedaillengewinner im Flying Dutchman bei den Olympischen Spielen 1984 gewann die Centomiglia 2009 mit Full Pelt. Nun kehrt er gemeinsam mit Leo Larcher auf Tigger zurück, einem für die ORC-Wertung tiefgreifend modifizierten RS21. Richards bringt damit nicht nur olympische Erfahrung, sondern auch eine persönliche Centomiglia-Geschichte mit, die beinahe zwei Jahrzehnte umspannt.
Auf dem Cape 31 Milkwave von Alessandro Lotto und Flavio Campana segelt Roberto Benamati, der die Centomiglia in unterschiedlichen Funktionen an Bord bereits dreizehnmal gewonnen hat. Milkwave kommt zudem mit der Empfehlung eines Klassensieges in ORC 3 beim Trofeo Conde de Godó in Barcelona an den Gardasee. Benamati kennt die Regatta vermutlich besser als fast jeder andere. Ob das gegen die Launen des Sees hilft, wird sich zeigen. Selbst dreizehn Siege begründen am Gardasee keinen Anspruch auf den vierzehnten.
International und prominent besetzt ist auch der Asso 99 König Ludwig von Prinz Luitpold von Bayern. Zur Mannschaft gehört der Kanadier Evert Bastet, Silbermedaillengewinner im Flying Dutchman bei den Olympischen Spielen 1984 und Weltmeister dieser Klasse von 1980. Bastet und Luitpold von Bayern verbindet eine gemeinsame Segelgeschichte, die bis in die achtziger Jahre zurückreicht. Ergänzt wird das Team durch Max Rauffer, den ehemaligen deutschen Skirennläufer und Weltcupsieger auf der Saslong. Ein olympischer Segler, ein bayerischer Prinz und ein früherer Abfahrer auf einem italienischen Einheitsboot – selbst unter dramaturgischen Gesichtspunkten ist diese Besetzung schwer zu verbessern.
Zu den spektakulärsten Konstruktionen im Feld zählt Banda Larga vom Lago Maggiore. Der 9,14 Meter lange Ultimate 30 wurde von Bruce Farr entworfen, 1992 gebaut und segelte ursprünglich unter dem Namen Longobarda. Das leichte, stark betuchte Boot wird in seiner bekannten Konfiguration mit acht Personen gesegelt, von denen sechs im Trapez stehen. An Bord ist mit Stefano Beltrando ein ausgewiesener Spezialist für Verbundwerkstoffe und heutiger Quality Control Manager von Luna Rossa Prada Pirelli angekündigt.
Einen völlig anderen Akzent setzt Sub Vento Libertas. Der Este 35 gehört zum Projekt Doppiavela Solidale, das von segelbegeisterten Angehörigen der italienischen Polizei getragen wird. Gemeinsam mit jungen Menschen aus schwierigen Lebenssituationen erleben sie an Bord, dass Verantwortung, Vertrauen und Zusammenarbeit keine theoretischen Begriffe sind. Der Name des Bootes bedeutet sinngemäß „Unter dem Wind – Freiheit“. Selten dürfte ein Schiffsname seine Aufgabe genauer beschreiben.
Mit René, der früheren René Lezard, vormals Cazal, kehrt ein Stück mitteleuropäischer Regattageschichte zurück. Auch die fast schon historische Grifo erscheint nach umfangreichen Umbauten wieder auf dem Gardasee. Zusammen mit der neuen ORC-Classic-Wertung zeigt sich darin ein bemerkenswerter Gedanke: Ältere Boote werden nicht als dekorative Kulisse behandelt, sondern dürfen sich weiterhin sportlich messen.
Bereits in den vorausgehenden Meldungen wurde außerdem der croatische Code X CROZ von Filip Jurišić angekündigt, eine leichte und leistungsorientierte Konstruktion für anspruchsvolle Offshore- und Küstenregatten. Ebenso wurde der österreichische Finn-Weltmeister von 1995 und fünfmalige Olympiateilnehmer Hans Spitzauer für den historischen 45-Quadratmeter-Nationalen Kreuzer GER 244 des Bayerischen Yacht-Clubs genannt. Da die abschließende Starterliste noch nicht veröffentlicht ist, bleiben solche Vorankündigungen allerdings unter dem Vorbehalt der endgültigen Registrierung.
Tradition, die sich verändern darf
Kaum eine andere Regatta bringt so unterschiedliche Vorstellungen vom Segeln auf derselben Wasserfläche zusammen. Moderne Prototypen und schnelle Mehrrumpfboote kämpfen um die kürzeste gesegelte Zeit. Etablierte Einheitsklassen liefern engste Duelle. Historische Konstruktionen treffen in der neuen ORC-Classic-Wertung auf die Gegenwart, während Double-Handed-Teams versuchen, die langen Kurse mit nur zwei Personen zu bewältigen. Die Centomiglia war ein technisches Versuchslabor und ist heute lebendiges Museum, internationaler Wettbewerb und lokales Segelfest zugleich. Sie lebt außerdem von ihrer Nähe zum Ufer. Anders als klassische Regatten verschwindet sie nicht hinter dem Horizont, sondern zieht an Orten vorbei, deren Namen selbst wie Etappen einer Reise klingen: Gargnano, Desenzano, Limone, Torbole, Malcesine. Von Promenaden, Terrassen und Berghängen aus lässt sich verfolgen, wie sich die Segelgruppen über den See bewegen. GPS-Tracking und Livebilder ergänzen 2026 diese unmittelbare Nähe. Das Rennen gehört deshalb nicht allein den Teilnehmern. Für ein Wochenende wird der Gardasee zur großen Bühne, seine Dörfer bilden Logenplätze, Hafenkneipen und Fahrerlager zugleich.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis der Centomiglia. Sie pflegt ihre Geschichte, lebt aber nicht von Nostalgie. Vergangene Sieger, legendäre Boote und technische Revolutionen gehören zu ihrem Mythos, doch am Morgen des nächsten Starts helfen sie wenig. Der Wind interessiert sich weder für olympische Medaillen noch für adelige Namen, frühere Siege oder Jubiläen. Er verteilt seine Chancen neu – manchmal gerecht, manchmal launisch und meistens erst im Nachhinein verständlich.
So bleibt die Centomiglia 2026 auch in ihrem 76. Jahr, was eine große Regatta sein muss: kein vollständig berechenbares Sportprodukt, sondern ein Versprechen mit offenem Ausgang. Man startet mit Wettermodellen, Erfahrung und einem Plan. Man kehrt zurück mit müden Armen, einer langen Liste kleiner Fehler und einer Geschichte, die an Land vermutlich mit jeder Erzählung ein wenig besser wird. Und während manche Mannschaft noch versichert, dies sei nun wirklich ihre letzte Centomiglia gewesen, beginnen andernorts längst die Überlegungen für das nächste Jahr.



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