Starthaus-Preis 2026 (Starnberg)
- floriansonneck
- 14. Juli
- 6 Min. Lesezeit

Hundert Boote, zwei Rennen und ein Haus, das bleibt
Beim Starthaus-Preis des Bayerischen Yacht-Clubs trifft ein 49er auf einen Drachen, eine Z-Jolle auf einen Nationalen Kreuzer – und Gegenwart auf Geschichte. Zwei Sommertage auf dem Starnberger See erzählen davon, warum eine Regatta mehr sein kann als eine Rangliste.
Das kleinste Haus auf dem Gelände des Bayerischen Yacht-Clubs hat den weitesten Blick. Seit 1925 steht das hölzerne Starthaus auf der Mole am Nordende des Starnberger Sees. Früher wurden von seinem Obergeschoss aus die Flaggentafeln bedient, mit denen die Wettfahrtleitung den Start steuerte. Heute kommen die historischen Signaltafeln nur noch bei einer Regatta zum Einsatz: beim Starthaus-Preis.
Das Haus selbst bewegt sich nicht. Doch an diesem Wochenende gerät um es herum fast alles in Fahrt.
Am 11. und 12. Juli 2026 liegen die Masten im Hafen so dicht, dass sie aus der Ferne wie ein kleiner Wald erscheinen. Exakt 100 Boote sind gemeldet, 85 Mannschaften werden später in der offiziellen Gesamtergebnisliste geführt. Schon die Namen der Klassen lesen sich wie ein Streifzug durch die Geschichte des Segelns: Z-Jollen, 45-Quadratmeter-Nationale Kreuzer, L95, Drachen, H-Boote und Starboote. Dazwischen moderne Melges 24, ein 49er, Flying Dutchman, J/70, Soling, Asso 99 und ein 30er Schärenkreuzer. Es ist keine Flotte aus einem Guss; genau darin liegt ihr Reiz.
Ein schwimmendes Archiv
Bei einer Einheitsklassenregatta sind die Boote weitgehend gleich. Wer vorn liegt, ist auf dem Wasser meist sofort zu erkennen. Beim Starthaus-Preis segeln dagegen Konstruktionen gegeneinander, zwischen deren Entstehung mitunter Jahrzehnte liegen. Ein 49er beschleunigt mit beinahe brutaler Leichtigkeit. Ein Drachen zieht ruhiger und schwerer durch das Wasser. Eine offene Z-Jolle verlangt andere Bewegungen, andere Reaktionen, einen anderen Mut als ein Nationaler Kreuzer mit langem Rumpf und klassischer Silhouette.
Damit aus dieser Verschiedenheit ein sportlicher Vergleich entstehen kann, werden die gesegelten Zeiten über Yardstickzahlen korrigiert. Schnelle Boote müssen ihren Vorsprung weit genug ausbauen; langsamere Konstruktionen können durch sauberes, nahezu fehlerfreies Segeln in der berechneten Wertung weit nach vorn gelangen. Der erste Zieleinlauf ist deshalb nur die vorläufige Wahrheit. Erst die Umrechnung entscheidet. So wird die Regatta zu einem Rennen innerhalb des Rennens: gegen die Konkurrenz, gegen die Uhr und gegen das eigene Geschwindigkeitspotenzial.
Ein Preis mit Gedächtnis
Der Starthaus-Preis begann Mitte der 1970er-Jahre als Trainingswettfahrt vor der Drachenregatta um den Prinz-Franz-Preis. Maja Huber stiftete die Trophäe; 1989 öffnete Mucki Binder aus dem Vorstand die Veranstaltung für die Mitglieder aller Bootsklassen des Bayerischen Yacht-Clubs und machte sie zur Clubmeisterschaft.
Die Preise sind keine silbernen Schalen und keine hoch aufragenden Pokale. Es sind kleine Nachbildungen des Starthauses. Manche langjährigen Teilnehmer, so vermerkt es die Clubchronik mit leiser Ironie, besitzen inzwischen eine ganze „Starthaus-Siedlung“.
Der heutige Hauptpreis ist ein von der BMW AG gestifteter ewiger Wanderpreis. Mindestens zwei gültige Wettfahrten sind erforderlich, damit er vergeben werden kann. Bis zu drei Läufe waren für 2026 vorgesehen. Zwei kamen zustande – genug, damit der Preis seinen Besitzer wechseln durfte.
Gestartet wird vom Land
Start und Ziel liegen dort, wo es der Name der Regatta verspricht: vor dem alten Holzhaus. Zwei Spierenbojen mit orangefarbenen Flaggen begrenzen die Linie. Gepeilt wird vom Starthaus aus. Fünf Minuten vor dem Start ertönt das erste Signal, vier Minuten vorher wird die Vorbereitungstafel gesetzt. Erst nachdem die Boote die Linie passiert haben, dürfen Spinnaker oder Gennaker gesetzt werden. Die Kursführung richtet sich nach dem Wind; für westliche und nordöstliche Richtungen stehen verschiedene lange und kurze Varianten zur Verfügung.
Diese Art des Startens wirkt in einer Zeit digitaler Tracker und elektronischer Anzeigen fast anachronistisch – und gerade deshalb erstaunlich gegenwärtig. Kein Startschiff liegt draußen als künstlicher Mittelpunkt der Regatta. Das Haus am Ufer bleibt der feste Bezugspunkt: für die Wettfahrtleitung, für die Mannschaften, für Zuschauer auf der Mole. Von dort zieht das Feld hinaus auf den nördlichen See.
Bei 100 gemeldeten Booten ist schon das Ordnen vor der Linie eine Aufgabe. Ein leichtes Skiff wie ein 49er braucht Raum zum Beschleunigen; eine schwere Kielyacht wie ein 45er kann nicht im selben Augenblick ausweichen. Abwinde treffen schnelle und langsame Boote unterschiedlich. An den Bahnmarken verdichtet sich die Flotte, obwohl die Boote dort mit völlig verschiedenen Geschwindigkeiten eintreffen.
Das verlangt nicht nur Regelkenntnis, es verlangt Aufmerksamkeit – und Respekt vor jenen, die auf einem anderen Boot einen anderen Rhythmus segeln.
Zwei Tage, zwei Gesichter
Der Samstag zeigt sich hochsommerlich. Am Vormittag steigt die Temperatur rasch über 20 Grad, am frühen Nachmittag werden deutlich über 28 Grad erreicht. Solche Daten beschreiben allerdings nur den meteorologischen Rahmen: Der See selbst entwickelt zwischen Ufer, Erwärmung und Wolkenfeldern seine eigenen kleinräumigen Windbilder.
Die Brise reicht für den ersten Lauf. Nicht kraftvoll, aber nutzbar. Unter diesen Bedingungen werden freie Anströmung und gleichmäßige Fahrt wichtiger als spektakuläre Manöver. Wer unnötig wendet, verliert. Wer in den Abwind einer größeren Segelfläche gerät, kann lange brauchen, um wieder Geschwindigkeit aufzubauen.
Am Sonntag wirkt der Wind entschlossener. Das Feld startet auf einen langen Kurs in Richtung Roseninsel. Sofort nach dem Startschuss öffnen sich die Spinnaker – große, gewölbte Segel, die dem ohnehin vielfältigen Feld noch mehr Farbe und Form geben. Aus der Entfernung wirkt die Flotte wie eine lose Prozession bunter Dreiecke, die sich über das Blau des Sees verteilt.
Es ist der schönste Moment dieser Regatta: nicht der Sieg, nicht die spätere Siegerehrung, sondern jener Augenblick, in dem hundert unterschiedliche Boote für kurze Zeit dieselbe Richtung haben.
Die Z-Jolle setzt sich durch
Den Gesamtsieg holt Walter Rothlauf auf der Z-Jolle Z 492. Mit drei Punkten aus zwei Wettfahrten entscheidet er die Yardstickwertung vor Julian Sensch auf dem 45m2-Nationalen Kreuzer P 246 für sich.
Auf Rang drei folgt Michael Schön mit einem der weltbesten Segler Jochen Schümann auf der L95 GER 296. Andreas Plettner wird mit dem 22-m2-Rennjolle J 370 Vierter. David Plettner erreicht mit dem 49er GER 880 Rang fünf, punktgleich mit Nepomuk Loesti auf einem weiteren 45er.
Schon dieses Ergebnis erzählt die Idee des Starthaus-Preises besser als jede Definition: Eine offene Jolle gewinnt vor einem langen Nationalen Kreuzer und einer modernen L95. Drei Plätze auf dem Podium, drei vollkommen unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie ein schnelles Segelboot aussehen kann.
Die zweite Chance des BONZO
Nicht jede Geschichte einer Regatta spielt sich an der Spitze ab. Der DRACHEN „Bonzo“ (GER496), in der Ergebnisliste diesmal unter der Segelnummer SWE 378 geführt, geht mit Eigner und Steuermann Dr. Dietrich Hasse an den Start, mit an Bord sind der Augsburger Nachwuchssegler Philipp Sonneck und die talentierte 19-jährige Luxemburger Seglerin Johna Schierholz; die souverän die Arbeit an den Spinnakerschoten übernommen hatte. Damit sitzen auf einem Boot nicht nur unterschiedliche Segelerfahrungen, sondern auch mehrere Generationen.
Der DRACHEN ist keine Konstruktion, die ihre Stärke durch abrupte Beschleunigung zeigt. Er verlangt präzisen Trimm, Ruhe in den Manövern und eine Crew, deren Bewegungen ineinandergreifen. Fehler werden nicht dramatisch sichtbar – aber sie bleiben lange in der Geschwindigkeit.
Im ersten Lauf ist BONZO 130 Min. unterwegs, nach Yardstick ergibt sich eine berechnete Zeit von 2:10:22 Stunden, Rang 80. Am Sonntag gelingt der Mannschaft eine deutliche Steigerung: Nach 1:28:11 Stunden erreicht sie das Ziel, korrigiert werden 1:22:24 Stunden, Platz 38 bei den fast 100 Startern und Platz zehn innerhalb der DRACHEN. Es ist zwar kein Podiumsplatz, aber es ist eine sportliche Entwicklung, die sich innerhalb von zwei Rennen ablesen lässt: Am ersten Tag sucht die Mannschaft noch ihren Rhythmus, am zweiten findet sie ihn. Gerade darin liegt eine Wahrheit des Regattasegelns, die Ergebnislisten nur selten erzählen. Nicht jedes gelungene Wochenende endet mit einem Pokal. Manchmal besteht der Erfolg darin, einen Fehler zu verstehen, die Kommunikation an Bord zu ordnen und beim nächsten Zieldurchgang als bessere Mannschaft anzukommen.
Wenn ein Club sich selbst begegnet
Der Starthaus-Preis lebt deshalb nicht allein von seinen Wettfahrtren und seiner Ergebnisliste, er ist auch ein jährliches Treffen der vielen Segelwelten, die sonst häufig unter sich bleiben. Die Skiffcrew begegnet der Mannschaft eines schweren Langkielers. Jugendliche segeln neben Weltmeistern, Freizeitcrews neben Mannschaften mit jahrzehntelanger Regattaerfahrung. Alte Holzkonstruktionen teilen sich den Kurs mit Booten aus Carbon und Hightechfasern.
An Land setzt sich diese Mischung fort. Nach den Samstagswettfahrten gibt es das klassische Stegbier an der „Seeseitn“, am Abend das traditionelle Sommerfest. Um 22.22 Uhr steigt ein Feuerwerk über dem See auf. Die Regatta ist damit nicht nur Clubmeisterschaft, sondern auch einer jener seltenen Termine, an denen ein großer Verein sich nahezu vollständig versammelt. Das jährliche Sommerfest gehört seit Langem zum Starthaus-Preis.
Am Sonntagnachmittag wurden die Segel geborgen, Leinen aufgeschossen, die Masten stehen wieder ruhig im Hafen. Auf dem Papier bleiben Punkte, Zeiten und Platzierungen, das Starthaus steht noch immer auf der Mole. Es hat zwei Tage lang zugesehen, wie Konstruktionen aus unterschiedlichen Jahrhunderten, Menschen unterschiedlichen Alters und sehr verschiedene Vorstellungen vom Segeln auf einem Kurs zusammengefunden haben.
Vielleicht ist das der eigentliche Preis dieser Regatta: nicht die kleine Nachbildung des Hauses, sondern das große Bild eines Clubs, der sich auf dem Wasser selbst begegnet.



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