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Goldpokal 2026, Starnberger See

Klassischer Segelsport unter wechselhaftem Himmel







Der Starnberger See hatte an diesem 4. Juli 2026 nichts von jener spiegelnden Postkartenruhe, die ihn an windlosen Sommertagen so verführerisch harmlos erscheinen lässt. Über dem Wasser lag Bewegung, nicht Sturm, nicht Drama, aber jene unruhige Mischung aus  drehenden westlichen Winden und kurzen Druckphasen, die auf einem Binnensee oft anspruchsvoller ist als ein sauber stehender kräftiger Wind. Wer an diesem Samstag beim Goldpokal des Bayerischen Yacht-Clubs an den Start ging, musste weniger gegen ein einziges Wetterphänomen segeln als gegen dessen Wechselhaftigkeit.


Der Goldpokal ist keine gewöhnliche Clubregatta. Er ist Teil der Starnberger See Classics, eine Langstreckenregatta in Yardstickwertung, ausgeschrieben für klassische Holzboote, Traditionsklassen und Boote, deren Konstruktion und Material noch eine andere Epoche des Segelsports atmen lassen.


Die Veranstaltung verlangt deshalb nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Verständnis für Boot, Revier und Material. Moderne Einheitsroutine hilft hier nur begrenzt. Wer auf einem Drachen, einer Hansa-Jolle, einem 20er Jollenkreuzer oder einem alten Holzkielboot unterwegs ist, segelt nicht gegen ein abstraktes Rating, sondern immer auch mit der Eigenart seines Bootes.


Die Rahmenbedingungen waren klar gesetzt: Start am Starthaus des Bayerischen Yacht-Clubs, Wettfahrtgebiet Starnberger See, Yardstick-Low-Point-System, drei Wettfahrten. Die Start-/Ziellinie lag vor dem Club. Auch das gehört zu diesem Revier: Regattasport findet hier nicht in einem abgeschlossenen Stadion statt, sondern inmitten eines lebendigen Sees mit Fahrgastschiffen, Böen, Landabdeckungen und wechselnden Windfeldern. Der Goldpokal 2026 war kein Klassentreffen nostalgischer Schönwettersegler, sondern eine ernsthafte Yardstickregatta mit sehr unterschiedlichen Bootstypen und entsprechenden taktischen Übersetzungsleistungen.


Sportlich setzte sich in der Gruppe Tradition 2 am Ende die Lugger 222, dahinter folgten zwei Drachen: GER 360 und GER 316 Das allein zeigt die Qualität des Feldes. Ein Lugger an der Spitze dieser Gruppe, zwei Drachen unmittelbar dahinter, dazu Jollenkreuzer, Hansa-Jollen, ein schwedischer Neptun-Kreuzer und Holz-Drachen:

Für die Drachen war dieser Tag besonders interessant. Der Drachen ist ein Boot, das Druck verträgt, aber Präzision verlangt. Er belohnt sauberem Trimm, gutes Abstimmung zwischen Steuermann und Vorschoter und ruhiges Steuern. Er kann großartig laufen, wenn Crew, Segeltrimm, Vorlieksspannung und Kurs zusammenfinden; er kann aber auch schwerfällig wirken, wenn die Strömung abreißt oder der nächste Dreher zu spät erkannt wird. Gerade auf Binnenrevieren entscheidet sich dann viel im Kleinen: Wann wird Höhe gehalten, wann Geschwindigkeit gesucht? Wann fährt man frei, wann nimmt man Abdeckung in Kauf? Wann ist Geduld besser als der riskante Schlag?

In diesem Feld segelte GER 496 „Bonzo“ in der Gruppe Tradition 2. Die Ergebnisliste führt den DRACHEN des BYC mit Dr. Dietrich Hasse, Dr. Florian Sonneck, Philipp Sonneck und Adam Cichecki auf dem 42., 41. und 40. Platz im Gesamt-Klassement und auf Platz 13 in der Gruppe ‚Tradition 2‘. Die Einzelbilanz: zwei Mal Platz 12 einmal Platz 13 im 3. Lauf. Auf dem Papier ergibt das 37 Punkte und ein nüchternes Ergebnis im hinteren Teil der gewerteten Gruppe. Auf dem Wasser erzählt es mehr, denn Bonzo war an diesem Tag nicht nur ein Boot in einer Ergebniszeile. Es war ein Wiedereinstieg in ein anspruchsvolles Regattafeld. Hasse, Cichecki und Sonneck segelten nicht unter Laborbedingungen, nicht in einem Trainingsrennen, nicht in einer kleinen Schonzone für Rückkehrer, sondern mitten in einer traditionsreichen Veranstaltung mit erfahrenen Crews, schnellen Booten und wechselhaftem Wetter. Sonneck kommt ursprünglich aus dem Jollensegeln und ist erst seit wenigen Jahren wieder auf Kielbooten unterwegs. Cichecki kehrte nach langer Regattapause zurück. Das verändert die Bewertung eines solchen Tages erheblich.


Natürlich zählt im Regattasport am Ende die Liste. Segeln ist kein reiner Haltungssport. Start, Geschwindikgkeit, Höhe, Tonnenmanöver, taktische Entscheidungen: Alles wird gemessen, alles erscheint irgendwann als Zeit, Platzierung und Punktzahl. Aber gerade der klassische Segelsport kennt eine zweite Wahrheit. Wer ein Boot wie den Drachen unter wechselnden Bedingungen sauber durch drei Wettfahrten bringt, wer bei Winddrehern und Böen nicht aufgibt, wer Manöver fährt, Abläufe stabilisiert und im Feld bleibt, der sammelt mehr als Punkte: Er sammelt wieder Regattagefühl.


Die erste Wettfahrt begann um 11 Uhr, genau in jenem Zeitfenster, in dem die Wetterdaten für Starnberg westnordwestliche Böen auswiesen. Für die Crews bedeutete das erhöhte Aufmerksamkeit unmittelbar vom Start weg. Bei solchen Bedingungen ist der erste Schlag selten nur eine Frage der bevorzugten Seite. Er ist immer auch eine Entscheidung darüber, wie viel Risiko man sich zutraut. In der ersten Wettfahrt kam Bonzo nach 71:29 Minuten gesegelter Zeit ins Ziel, berechnet 66:48 Minunten, Gruppenplatz 12. Das war kein Befreiungsschlag, aber ein Anfang, auf dem sich aufbauen ließ.


In der zweiten Wettfahrt wurde der Tag länger und zäher. Bonzo segelte 87:33 Minuten, berechnet 81:49, erneut Platz 12. Diese Konstanz ist bemerkenswert. Wer nach einem mäßigen ersten Lauf mental wegbricht, verliert in solchen Feldern schnell den Anschluss, Bonzo blieb im Rennen. Die Crew hielt das Boot in Bewegung, fand offenbar ausreichend Stabilität in den Abläufen und bestätigte ihren Platz im Feld. Der dritte Lauf brachte mit 82:11 Stunden gesegelter Zeit, berechnet 76:48, Rang 13. Kein Ausreißer nach oben, aber auch kein Einbruch. Drei Wettfahrten, drei Zieleinläufe, drei Wertungen. Das ist für die nicht eingespielte Crew ein ernstzunehmender Befund. In der Drachenklasse ist Erfahrung schwer zu ersetzen. Viele Manöver sehen von außen unspektakulär aus, sind aber Ergebnis hunderter Stunden gemeinsamer Abstimmung. Wann der Vorschoter die Fock aufmacht, wann der Steuermann abfällt, wann das Gewicht nach Luv muss, wann Ruhe wichtiger ist als Hektik: Diese Dinge entstehen nicht durch Ansage, sondern durch Wiederholung. Hasse, Cichecki und Sonneck segelten beim Goldpokal nicht um eine romantische Anekdote, sondern um genau diese Gewinnung von Routine.


Der Goldpokal 2026 zeigte damit zwei Ebenen des klassischen Regattasports. Vorn wurde hart und präzise um Plätze gesegelt. Die Sieger und Platzierten lieferten die erwartbare Qualität eines erfahrenen Feldes. Weiter hinten wurde ebenfalls ernsthaft gesegelt, nur mit anderen Maßstäben: nicht weniger sportlich, aber stärker geprägt von Rückkehr, Lernkurve und Bootsbeherrschung. Bonzo steht an diesem Tag für diese zweite, oft unterschätzte Erzählung.


Am Ende blieb ein Regattatag, der gerade wegen seiner Unruhe passte: Der See war nicht extrem, aber fordernd. Das Wetter war wechselhaft und verlangte Konzentration. Das Feld war nicht unbezwingbar, aber stark genug, um jede Schwäche sichtbar zu machen. Für GER 496 „Bonzo“, war Rang 13 in Tradition 2 deshalb kein Glanzresultat, aber ein belastbarer Schritt im klassischen Regattasport.

Vielleicht liegt genau darin die stille Würde solcher Tage. Der DRACHEN ist ein Boot, das Geduld lehrt; der Starnberger See ist ein Revier, das niemandem dauerhaft schmeichelt, der Goldpokal ist eine Regatta, die Tradition nicht ausstellt, sondern segeln lässt. Wer hier segelt, durchhält und das Boot nach drei Wettfahrten wieder an den Steg bringt, hat mehr getan, als eine Ergebnisliste zu füllen: Er hat sich dem Sport wieder ausgesetzt. Und manchmal beginnt genau dort die nächste gute Regattageschichte.

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