Ich kann lesen, schreiben und Auto fahren

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Lebenslauf in Kurzform. Drei Fähigkeiten, sauber aneinandergereiht, ohne Schnörkel, ohne Demut: Ich kann lesen, schreiben und Auto fahren. Wer das beherrscht, so scheint es, hat das Leben verstanden. Oder zumindest den deutschen Alltag.
Lesen – das ist heute weniger eine Fähigkeit als eine Zumutung. Man muss sich durch AGB kämpfen, durch Datenschutzerklärungen, durch E-Mails ohne Grußformel und mit Betreffzeilen wie „Re: AW: Fwd: dringend!!!“. Wer hier noch sinnerfassend liest, gehört zu einer kleinen, tapferen Minderheit. Die anderen scannen, überfliegen, interpretieren frei. Aus „Bitte überweisen Sie innerhalb von 14 Tagen“ wird dann schnell „Das kann warten“. Lesen ist kein Handwerk mehr, sondern ein Abenteuer mit offenem Ausgang.
Schreiben hingegen hat sich demokratisiert. Jeder kann es, niemand muss es können. Groß- und Kleinschreibung? Ein Relikt. Interpunktion? Ein Angebot. Der moderne Mensch schreibt, wie er denkt – also schnell, fragmentarisch und mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Empfänger. Dass Worte Wirkung haben könnten, ist ein Gedanke aus einer anderen Epoche. Heute reicht es, dass sie gesendet wurden. Ob sie ankommen, ist eine Frage für die Philosophie.
Und dann das Auto fahren. Die Königsdisziplin. Hier zeigt sich der Mensch in seiner ganzen Größe – und Kleinheit. Im Straßenverkehr offenbart sich, was Lesen und Schreiben vorbereitet haben: die Fähigkeit, Schilder zu ignorieren, Regeln kreativ auszulegen und die eigene Spur als moralisches Territorium zu verteidigen. Wer Auto fährt, fährt nicht nur von A nach B. Er verhandelt Vorfahrt, interpretiert Geschwindigkeitsbegrenzungen als Empfehlungen und betrachtet den Blinker als optionales Stilmittel.
Zusammen ergeben diese drei Fähigkeiten ein faszinierendes Gesamtbild. Der Mensch, der lesen kann, versteht die Welt – theoretisch. Der Mensch, der schreiben kann, teilt sie mit – irgendwie. Und der Mensch, der Auto fährt, setzt sich schließlich durch – praktisch.
Vielleicht liegt darin eine stille Wahrheit: Es reicht nicht, etwas zu können. Entscheidend ist, wie man es tut. Zwischen „Ich kann lesen“ und „Ich verstehe, was ich lese“ liegt ein Ozean. Zwischen „Ich kann schreiben“ und „Ich formuliere verständlich“ eine Schlucht. Und zwischen „Ich kann Auto fahren“ und „Ich nehme Rücksicht“ ein ganzes Autobahnkreuz.
Aber gut. Für den Anfang genügt es ja, wenn man es kann. Alles Weitere ist Feinarbeit. Oder, um es zeitgemäß zu sagen: optional.



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