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Leistung ohne Peitsche



Warum Deutschland wieder Ehrgeiz lernen muss

Wolfgang Reitzle hat in seinem jüngsten FAZ-Gespräch einen Satz gesagt, der hängen bleibt: Im Bildungssystem müsse der Leistungsgedanke wieder in den Mittelpunkt rücken; zugleich müsse der „Wildwuchs der Bürokratie“ nicht nur gestoppt, sondern zurückgeschnitten werden. Carsten Knop griff in seinem FAZ+-Newsletter dazu das alte Wort „Produktivitätspeitsche“ auf — ein Begriff, der erstaunlich gut beschreibt, worum es eigentlich geht: nicht um Härte um der Härte willen, sondern um den äußeren und inneren Druck, besser zu werden, weil Stillstand am Ende teurer ist als Anstrengung.

Deutschland hat sich angewöhnt, Leistung moralisch zu verdächtigen. Wer Leistung fordert, gilt schnell als kalt, neoliberal oder sozial blind. Psychologisch ist das ein Missverständnis. Leistung ist nicht das Gegenteil von Menschlichkeit. Leistung ist die Fähigkeit, ein Ziel ernst zu nehmen, Schwierigkeiten auszuhalten, Rückmeldung anzunehmen und sich zu verbessern. Ein gutes Bildungssystem demütigt Kinder nicht. Aber es belügt sie auch nicht. Es sagt nicht: Alles ist schon gut, wenn grundlegende Kompetenzen fehlen.

Die Daten sind ernüchternd. Laut OECD lagen die deutschen PISA-Ergebnisse 2022 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so niedrig wie nie zuvor in der deutschen PISA-Geschichte; der Rückgang seit 2018 entsprach in Mathematik und Lesen ungefähr dem Lernzuwachs eines ganzen Schuljahres.  Der IQB-Bildungstrend 2024 kommt für Mathematik und Naturwissenschaften ebenfalls zu besorgniserregenden Ergebnissen: Regelstandards werden seltener erreicht, Mindeststandards häufiger verfehlt; in Mathematik verfehlen rund 34 Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss.

Das ist keine Kleinigkeit. Wer nicht sicher lesen, rechnen, argumentieren und konzentriert arbeiten kann, verliert später Freiheit. Freiheit entsteht nicht durch Anspruchslosigkeit, sondern durch Können. Bildung ist deshalb immer auch Zumutung: Vokabeln lernen, Gleichungen lösen, Texte verstehen, wiederholen, scheitern, neu beginnen. Moderne Pädagogik darf freundlich sein, aber sie darf nicht weichgespült werden. Kinder brauchen Ermutigung — aber Ermutigung ohne Maßstab wird zur pädagogischen Beruhigungstablette.


Hier wird Reitzles Bürokratiekritik bildungspolitisch interessant. Schulen leiden nicht nur an zu wenig Geld, sondern an zu viel Ablenkung vom Kerngeschäft. Dokumentation, Evaluation, Formulare, Konzepte, Schutzkonzepte, Digitalstrategien, Nachweispflichten: Vieles davon ist einzeln begründbar. In der Summe entsteht ein System, das Verantwortung simuliert, während es Unterrichtszeit, Aufmerksamkeit und Führungskraft frisst. Bürokratie ist psychologisch eine Maschine zur Zerstreuung von Energie. Sie verwandelt Tatkraft in Vorgangsbearbeitung.


Der Nationale Normenkontrollrat sah 2025 zwar eine Trendwende beim Erfüllungsaufwand, verwies aber zugleich auf einen weiter enormen Belastungsberg: rund 64 Milliarden Euro Bürokratiekosten pro Jahr und zusätzlich 13,2 Milliarden Euro Erfüllungsaufwand seit 2011.  Auch die OECD beschreibt für Deutschland, dass hohe administrative Lasten und regulatorische Hürden Unternehmensdynamik, Markteintritt, Innovation und Produktivitätswachstum bremsen.


Man muss dabei fair bleiben: Ganz stimmt der Satz „nichts ist passiert“ auf EU-Ebene nicht mehr. Die EU-Kommission nennt inzwischen konkrete Ziele: 25 Prozent weniger administrative Lasten für Unternehmen, 35 Prozent für kleine und mittlere Unternehmen; sie verweist auf Vereinfachungspakete und erwartete Einsparungen.  Auch der Rat der EU spricht von einer „Simplification“-Agenda, deren Pakete jedoch erst verhandelt, beschlossen und praktisch spürbar werden müssen.  Genau dort liegt das Problem: Politische Entlastung ist erst dann real, wenn sie im Betrieb, in der Schule, im Rathaus und beim Bürger ankommt.


Die alte „Produktivitätspeitsche“ war ein hässliches Wort für eine richtige Einsicht: Wohlstand bleibt nur erhalten, wenn Menschen, Institutionen und Unternehmen produktiver werden. Im Mentaltraining würde man sagen: Ein System braucht Spannung. Zu wenig Spannung erzeugt Trägheit. Zu viel Spannung erzeugt Angst. Gute Leistungskultur findet die Mitte: klare Ziele, ehrliche Rückmeldung, Training, Verantwortung, Vertrauen.


Für das Bildungssystem hieße das: weniger pädagogische Nebelbegriffe, mehr Basiskompetenzen. Weniger Projektlyrik, mehr Lesen. Weniger Kompetenzraster-Rhetorik, mehr Übung. Weniger Angst vor Noten, mehr faire Rückmeldung. Weniger Verwaltungssprache, mehr Unterricht. Und vor allem: ein neuer Stolz auf Können.

Leistung ist kein sozialer Angriff. Leistung ist eine demokratische Ressource. Wer Kindern Anspruch erspart, erspart ihnen nicht Leid, sondern nimmt ihnen Zukunft. Und wer ein Land mit immer neuen Vorschriften überzieht, darf sich nicht wundern, wenn seine besten Kräfte nicht mehr gestalten, sondern verwalten.


Deutschland braucht keine Peitsche. Aber es braucht wieder Ehrgeiz.


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