top of page

Der auffällige Wert

5. Sept.
7 Min. Lesezeit



Warum mehr Labordiagnostik bei Mikronährstoffen nicht automatisch mehr Wissen schafft

Müdigkeit, schwache Regeneration, Konzentrationsprobleme: Hinter solchen Beschwerden kann ein Mikronährstoffmangel stecken. Ein großes Laborpaket verspricht Klarheit, produziert ohne präzise Fragestellung jedoch leicht neue Zweifel. Gute Diagnostik beginnt deshalb lange vor der Blutabnahme.

Eine sportliche Frau fühlt sich seit Wochen ungewöhnlich erschöpft. Die Beine werden im Training früh schwer, am Nachmittag lässt die Konzentration nach. Im Internet findet sie ein Mikronährstoffprofil mit zwanzig Messwerten. Zwei Wochen später leuchten zwei Werte rot. Endlich, denkt sie, hat die Erschöpfung einen Namen.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht hat die Untersuchung aber auch nur das Erwartbare sichtbar gemacht: Legt ein Labor seinen Referenzbereich so fest, dass 95 Prozent gesunder Menschen darin liegen, befinden sich fünf Prozent auch ohne Erkrankung außerhalb. Werden zwanzig voneinander unabhängige Größen gleichzeitig gemessen, beträgt die rechnerische Wahrscheinlichkeit für mindestens eine solche Auffälligkeit rund 64 Prozent. Der rote Wert ist real. Seine Bedeutung steht damit noch keineswegs fest.

Genau darin liegt die anspruchsvolle Seite der Mikronährstoffdiagnostik. Ein Test erzeugt erst dann Wissen, wenn drei Dinge zusammenpassen: eine begründete Frage, ein für diese Frage brauchbarer Messwert und eine Konsequenz, die sich aus dem Ergebnis ableiten lässt. Fehlt eines davon, kann ein Laborbefund das Vermuten sogar vermehren.


Müdigkeit hat keinen eigenen Laborwert

Müdigkeit, Leistungsabfall, Schlafstörungen, Infektanfälligkeit oder eine verzögerte Regeneration können bei einem Mangel auftreten. Sie gehören jedoch zugleich zu den unspezifischsten Beschwerden der Medizin. Zu wenig Schlaf, ein Trainingsreiz ohne ausreichende Erholung, eine depressive Episode, Infekte, Schilddrüsenerkrankungen, Blutverlust, Medikamente, Alkohol, eine zu geringe Energiezufuhr und zahlreiche weitere Ursachen können ähnlich aussehen.


Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Welcher Nährstoff macht müde? Sie lautet: Welche Erklärung ist bei diesem Menschen unter diesen Umständen wahrscheinlich genug, um sie gezielt zu prüfen?


Bei einer menstruierenden Ausdauerathletin, die sich vegetarisch ernährt und wiederholt Blut gespendet hat, verdient Eisen früh Aufmerksamkeit. Bei einem vegan lebenden Menschen rückt Vitamin B12 in den Vordergrund. Nach einer Magenoperation, bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder unter bestimmten Medikamenten können Aufnahme und Verwertung einzelner Nährstoffe gestört sein. Wer seine Energiezufuhr über längere Zeit stark begrenzt, hat möglicherweise kein isoliertes Vitaminproblem, sondern ein Verfügbarkeitsproblem des gesamten Organismus. Im Sport wird dieser Zusammenhang als relative Energiedefizienz, kurz REDs, beschrieben.


Der Trainingsumfang allein verrät erstaunlich wenig. Sport kann Bedarf, Umsatz oder Verluste verändern, doch er erhöht nicht automatisch den Bedarf an jedem Vitamin und jedem Spurenelement. Eine Läuferin mit starken Monatsblutungen trägt ein anderes Risiko als ein Radfahrer mit ausgewogener Ernährung; ein ambitionierter Freizeitsportler mit Zöliakie ein anderes als eine Profisportlerin ohne Aufnahmestörung. Die relevante Einheit der Diagnostik ist deshalb nicht „der Sportler“, sondern der einzelne Mensch mit seiner Ernährung, seiner Krankengeschichte und seiner Belastung.


Unterversorgung ist noch keine Diagnose

Ernährungsberichte liefern wichtige Hinweise darauf, welche Nährstoffe in einer Bevölkerung im Durchschnitt knapp aufgenommen werden. Aus einer rechnerisch zu niedrigen Zufuhr lässt sich jedoch kein individueller klinischer Mangel ableiten. Ernährungsprotokolle sind fehleranfällig, Referenzwerte enthalten Sicherheitszuschläge, Aufnahme und Speicherung unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Umgekehrt kann eine scheinbar ausreichende Zufuhr bei einer Resorptionsstörung am Körper vorbeigehen.


Es hilft, drei Ebenen auseinanderzuhalten. Eine geringe Zufuhr beschreibt zunächst das Essen. Ein auffälliger Biomarker beschreibt eine messbare biologische Größe. Ein klinisch bedeutsamer Mangel verbindet den Befund mit leeren Speichern, beeinträchtigter Funktion, Symptomen oder einem nachweisbaren Gesundheitsrisiko. Diese Ebenen überlappen, sind aber nicht identisch.


Auch die Sehnsucht nach dem „persönlichen Optimalwert“ führt schnell in ungesichertes Gelände. Für manche Messgrößen gibt es gut begründete diagnostische Schwellen. Für andere kennen wir zwar Verteilungen, aber keinen Zielbereich, dessen Anhebung bei gesunden Menschen verlässlich bessere Gesundheit oder sportliche Leistung bewirkt. Ein Wert kann statistisch niedrig sein, ohne behandlungsbedürftig zu sein. Und er kann im Referenzbereich liegen, obwohl die Gesamtsituation weitere Abklärung verlangt.


Das richtige Material hängt vom richtigen Nährstoff ab

Die populäre Formel, Vollblutanalysen seien Serummessungen grundsätzlich überlegen, klingt plausibel: In den Blutzellen befindet sich schließlich mehr als im flüssigen Serum. Als allgemeine Regel trägt sie wissenschaftlich jedoch nicht. Jeder Nährstoff besitzt eine eigene Biologie, und jeder Test beantwortet eine andere Frage. Entscheidend sind klinische Validierung, standardisierte Präanalytik und die Fähigkeit eines Markers, einen relevanten Mangel tatsächlich zu erkennen.


Bei Eisen gehören Blutbild und Serumferritin zu den zentralen Untersuchungen. Ferritin spiegelt die Eisenspeicher, steigt aber auch bei Entzündung an. Nach intensiver Belastung kann die Interpretation zusätzlich erschwert sein. Je nach Situation werden deshalb Entzündungsmarker und Transferrinsättigung einbezogen. Die British Society for Haematology weist ausdrücklich darauf hin, dass kein einzelner Test Aufnahme, Transport, Speicherung und Nutzung des Eisens vollständig abbildet.


Bei Vitamin D ist 25-Hydroxyvitamin D im Serum der etablierte Statusmarker. Daraus folgt allerdings keine Empfehlung, den Wert bei jedem gesunden Menschen zu bestimmen. Die Leitlinie der Endocrine Society von 2024 rät bei gesunden Erwachsenen ohne besondere Indikation vom routinemäßigen Screening ab, weil in klinischen Studien keine Zielwerte gesichert sind, deren Ansteuerung einen konkreten Nutzen verspricht.


Bei Vitamin B12 wiederum kann ein Gesamt-B12-Wert für die erste Einordnung dienen, während Grenzfälle weitere Marker wie Holotranscobalamin oder Methylmalonsäure erfordern können. Auch diese Werte sind nicht selbsterklärend; etwa die Nierenfunktion beeinflusst die Methylmalonsäure. Einen einzigen biochemischen Goldstandard gibt es bislang nicht.


Serummagnesium bildet die gesamten Körperspeicher nur unvollkommen ab. Das ist eine wichtige Grenze des Tests. Es beweist jedoch nicht automatisch, dass jede als „intrazellulär“ beworbene Alternative den klinischen Zustand besser erfasst oder zu besseren Entscheidungen führt. Aus der Schwäche eines Verfahrens folgt noch nicht die Stärke eines anderen.


Die seriöse Antwort auf die Frage „Serum oder Vollblut?“ lautet daher selten pauschal. Sie lautet: Welcher Marker ist für den vermuteten Mangel, die konkrete Person und die beabsichtigte Entscheidung validiert?


Mehr Werte bedeuten auch mehr Zufallsbefunde

Breite Laborprofile haben einen psychologischen Vorteil: Sie wirken gründlich. Ein langer Befundbogen vermittelt das Gefühl, nichts übersehen zu haben. Medizinisch entsteht jedoch ein Zielkonflikt. Je mehr Größen ohne begründeten Verdacht untersucht werden, desto mehr Grenzwerte und Zufallsbefunde tauchen auf. Danach folgen Wiederholungsmessungen, zusätzliche Präparate oder neue Tests. Aus einer unspezifischen Müdigkeit kann eine kleine Karriere als Laborpatient werden.

Das spricht nicht gegen Diagnostik. Es spricht für eine Reihenfolge. Zuerst kommen Beschwerden, Verlauf, Ernährung, Medikamente, Blutverluste, Vorerkrankungen, Trainingssteuerung und Erholung. Daraus entsteht eine sogenannte Vortestwahrscheinlichkeit: Wie plausibel ist ein bestimmter Mangel bereits vor der Messung? Ein gutes Testergebnis verändert diese Einschätzung deutlich. Ein schwacher Test bei sehr geringer Vortestwahrscheinlichkeit erzeugt vor allem Fehlalarme.


Umgekehrt wäre es ebenso falsch, Mängel kleinzureden. Eisenmangel kann die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, Vitamin-B12-Mangel neurologische Schäden verursachen, ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel die Knochen schädigen. Wer begründete Risiken oder passende Befunde ignoriert, verwechselt Zurückhaltung mit Sorgfalt. Die Alternative zum großen Rundum-Paket ist nicht das Wegsehen, sondern die gezielte Untersuchung.


Ein Mangel ist ein Befund und eine Ursachenfrage

Wird ein Mangel bestätigt, beginnt die eigentliche medizinische Arbeit. Weshalb ist er entstanden? Eine Supplementierung kann den Messwert verbessern und trotzdem die Ursache verfehlen. Hinter leeren Eisenspeichern können starke Menstruationsblutungen, eine gastrointestinale Blutung, eine zu geringe Zufuhr oder eine Aufnahmestörung stehen. Hinter niedrigem Vitamin B12 können eine vegane Ernährung, Autoimmunprozesse, Operationen oder Medikamente stecken.


Gerade im Sport kann ein Präparat das Symptom glätten, während das strukturelle Problem bestehen bleibt. Wer bei zu geringer Energieverfügbarkeit lediglich einzelne Nährstoffe ersetzt, repariert gewissermaßen die Warnleuchte, ohne den Motor zu prüfen. Ernährung bleibt deshalb mehr als die romantische Empfehlung, frisch, regional und saisonal zu essen. Sie muss ausreichend Energie liefern, zum Trainingsalltag passen und die individuell kritischen Nährstoffe verlässlich abdecken.


Eine gezielte Substitution ist bei einem nachgewiesenen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit bestehenden Mangel sinnvoll und bisweilen dringend. Bei gut versorgten Sportlern verbessert ein zusätzliches Mehr an Mikronährstoffen die Leistung dagegen nicht verlässlich. Der Körper vergibt keine Bonuspunkte dafür, dass ein Speicher über das Ausreichende hinaus gefüllt wird.

Auch Vitamine haben eine Dosis

Nahrungsergänzungsmittel werden gern in der gedanklichen Kategorie „kann nicht schaden“ abgelegt. Dort gehören sie nicht hin. Eisen kann Magen-Darm-Beschwerden verursachen und ist ohne Abklärung besonders ungeeignet, weil eine Überladung schaden und eine Blutungsquelle übersehen werden kann. Zu viel Vitamin D kann zu Hyperkalzämie und Nierenschäden führen. Hohe, länger eingenommene Mengen Vitamin B6 sind mit peripheren Nervenschäden verbunden; die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat den tolerierbaren oberen Aufnahmewert für Erwachsene auf 12,5 Milligramm täglich gesenkt. Auch Wechselwirkungen zwischen Nährstoffen und Arzneimitteln verdienen Beachtung.

Im Wettkampfsport kommt ein weiteres Risiko hinzu. Nahrungsergänzungsmittel können verunreinigt sein oder nicht deklarierte Substanzen enthalten. Das IOC empfiehlt daher eine klare Nutzen-Risiko-Prüfung; ein plausibler Produktname und ein prominenter Fürsprecher ersetzen weder Evidenz noch Qualitätssicherung.

Eine pauschale „Basissupplementierung“ mit Kombinationspräparaten mag praktisch erscheinen. Sie ist jedoch keine logische Folge daraus, dass individuelle Mängel vorkommen. Ob ein Präparat sinnvoll ist, hängt von Ernährung, Lebensphase, Erkrankungen und Dosierung ab. Für einzelne Gruppen existieren bevölkerungsbezogene Empfehlungen, etwa für Folsäure rund um eine geplante Schwangerschaft oder Vitamin B12 bei veganer Ernährung. Das sind begründete Strategien, kein Freibrief für das vorsorgliche Hochdrehen sämtlicher Werte.

Fünf Fragen vor der Blutabnahme

Wer Beschwerden oder ein echtes Versorgungsrisiko hat, kann ein ärztliches Gespräch mit fünf nüchternen Fragen strukturieren:

  1. Welche konkrete Vermutung soll der Test prüfen?

  2. Warum ist gerade dieser Messwert dafür geeignet?

  3. Welche Einflüsse können das Ergebnis verfälschen, etwa Training, Entzündung, Tageszeit oder bereits eingenommene Präparate?

  4. Was würden ein niedriger, ein grenzwertiger und ein unauffälliger Wert jeweils verändern?

  5. Wann wird kontrolliert, ob Maßnahme, Ursache und Befund tatsächlich zusammenpassen?


Diese Fragen bremsen sinnvolle Diagnostik nicht. Sie schützen sie vor Beliebigkeit. Ein Laborpaket, dessen Ergebnisse unabhängig vom Ausgang stets in dieselbe Supplementempfehlung münden, beantwortet möglicherweise weniger eine medizinische als eine geschäftliche Frage.


Wissen beginnt mit einer guten Frage

Die erschöpfte Sportlerin vom Anfang braucht weder die beruhigende Formel „Bei guter Ernährung fehlt nichts“ noch das Gegenversprechen, ein großes Zellprofil werde ihre persönliche Optimierung entschlüsseln. Sie braucht eine Anamnese, eine plausible Rangfolge möglicher Ursachen und wenige Untersuchungen, die diese Rangfolge verändern können.

Vielleicht zeigt sich ein Eisenmangel. Vielleicht ist die Energiezufuhr zu niedrig, das Training zu dicht oder der Schlaf seit Wochen gestört. Ein guter Test darf auch ergeben, dass die erste Vermutung falsch war. Das ist kein enttäuschendes Resultat, sondern der eigentliche Gewinn von Diagnostik: Sie liefert nicht möglichst viele Zahlen. Sie macht die nächste Entscheidung vernünftiger.

Die dargestellten Informationen stammen aus dem Kontext des Leistungssports und ersetzen keine medizinische Beratung; bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden ist eine Ärztin oder ein Arzt zu konsultieren.




Quellen und weiterführende Literatur

Endocrine Society: Vitamin D for the Prevention of Disease – Clinical Practice Guideline, 2024.

British Society for Haematology: Good Practice Paper for the Laboratory Diagnosis of Iron Deficiency in Adults and Children, 2021/2022.

NICE/NCBI Bookshelf: Evidence Review for Diagnostic Tests bei Vitamin-B12-Mangel, 2024.

Maughan RJ et al.: IOC Consensus Statement: Dietary Supplements and the High-Performance Athlete, British Journal of Sports Medicine, 2018.

Mountjoy M et al.: IOC Consensus Statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs), British Journal of Sports Medicine, 2023.

Larson-Meyer DE et al.: Assessment of Nutrient Status in Athletes and the Need for Supplementation, International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 2018.

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin: S3-Leitlinie Müdigkeit, 2022.

Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Dietary Reference Values and Tolerable Upper Intake Levels, laufend aktualisiert.



Kommentare


bottom of page