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Der Herbst ist kein Ausnahmezustand:

vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit


Fünf Dinge, die jetzt besonders zählen

Gesunde Ernährung, Bewegung, Schlaf, weniger Stress und genügend Tageslicht sind keine Herbstkur. Sie sind Grundlagen für das ganze Jahr. Doch wenn die Tage kürzer werden, zeigt sich besonders deutlich, wie tragfähig unsere Gewohnheiten wirklich sind.

Der Herbst verlangt nichts grundsätzlich Neues von uns. Der Körper braucht im Oktober keine geheimen Nährstoffe, kein spektakuläres Trainingsprogramm und auch keine radikale Morgenroutine. Was sich verändert, sind die Bedingungen: Es wird früher dunkel, wir verbringen mehr Zeit in Innenräumen, bewegen uns oft weniger und geraten nach der sommerlichen Leichtigkeit wieder stärker in den Takt von Arbeit, Schule und Verpflichtungen. Genau deshalb gewinnen einige unspektakuläre Gewohnheiten an Bedeutung. Nicht weil sie nur im Herbst wirkten, sondern weil die Jahreszeit ihre Abwesenheit sichtbarer macht.

Wenn gute Gewohnheiten plötzlich schwerer werden

Gesundheit scheitert selten daran, dass Menschen nicht wissen, was vernünftig wäre. Sie scheitert häufiger daran, dass Vernünftiges unter ungünstigen Bedingungen nicht mehr selbstverständlich geschieht. Im Sommer liefert der Alltag vieles nebenbei: Licht am Morgen, Wege zu Fuß, längere Abende im Freien und spontane Begegnungen. Im Herbst muss manches bewusster organisiert werden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie optimiere ich mich für die dunkle Jahreszeit? Sondern: Welche Grundlagen dürfen jetzt nicht unbemerkt wegbrechen?

1. Gesund essen – nicht herbstlich kompensieren. Wenn es draußen kühler wird, wächst bei vielen die Lust auf gehaltvollere Speisen. Das ist weder moralisch verwerflich noch automatisch ungesund. Problematisch wird es erst, wenn aus Behaglichkeit eine dauerhafte Ernährungsstrategie aus stark verarbeiteten Lebensmitteln, Süßigkeiten und energiereichen Snacks entsteht. Eine ausgewogene Ernährung bleibt auch im Herbst erstaunlich unspektakulär: viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse, bevorzugt pflanzliche Öle, ausreichend Eiweiß und überwiegend Wasser als Getränk. Saisonale Lebensmittel wie Kürbis, Kohl, Äpfel, Birnen, Pilze oder Wurzelgemüse machen daraus keine besondere „Herbstdiät“, wohl aber eine abwechslungsreiche und alltagstaugliche Küche. Entscheidend ist nicht das einzelne Stück Kuchen an einem regnerischen Sonntag, sondern das Muster über Wochen. Auch Nahrungsergänzungsmittel ersetzen dieses Muster nicht. Wer einen Mangel vermutet, sollte ihn medizinisch abklären lassen, statt auf Verdacht zu supplementieren.

2. In Bewegung bleiben – gerade wenn der Alltag enger wird. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen pro Woche mindestens 150 bis 300 Minuten Bewegung mittlerer Intensität oder 75 bis 150 Minuten hoher Intensität, ergänzt durch muskelkräftigende Aktivitäten an mindestens zwei Tagen. Doch Zahlen allein bringen niemanden durch einen verregneten November. Wichtiger ist, Bewegung so niedrigschwellig zu planen, dass sie nicht täglich neu ausgehandelt werden muss: ein fester Spaziergang, das Fahrrad für kurze Wege, Trainingstermine im Kalender oder eine kleine Einheit zu Hause. Sport ist dabei nicht nur Kalorienverbrauch. Regelmäßige Bewegung unterstützt Herz und Kreislauf, Stoffwechsel, Muskulatur, Schlaf und psychisches Wohlbefinden. Im Herbst besitzt Bewegung im Freien einen zusätzlichen Vorteil: Sie verbindet körperliche Aktivität mit Tageslicht. Wer auf den perfekten sonnigen Nachmittag wartet, wird allerdings häufig gar nicht hinausgehen. Ein zügiger Weg bei bedecktem Himmel ist meist wertvoller als ein ambitionierter Plan, der drinnen liegen bleibt.

3. Schlaf schützen – statt Müdigkeit als Jahreszeit hinzunehmen. Kürzere Tage machen nicht automatisch krank, können aber unseren Tagesrhythmus verändern. Weniger helles Licht am Tag und viel künstliches Licht am Abend schwächen den Kontrast, an dem sich die innere Uhr orientiert. Viele Menschen fühlen sich deshalb im Herbst früher müde oder kommen morgens schwerer in Gang. Die richtige Reaktion besteht nicht darin, jede Müdigkeit wegzukoffeinieren, sondern den Schlafrhythmus zu stabilisieren: möglichst regelmäßige Zeiten, ausreichend Gelegenheit zum Schlafen, morgens Licht und abends weniger Helligkeit und Aktivierung. Für gesunde Erwachsene gelten mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht als allgemeine wissenschaftliche Orientierung; der individuelle Bedarf kann darüber liegen. Ebenso wichtig wie die Dauer ist, ob der Schlaf erholsam ist und der Alltag ohne ausgeprägte Müdigkeit gelingt. Anhaltende Ein- oder Durchschlafprobleme, starkes Schnarchen, Atemaussetzer oder ungewöhnliche Tagesschläfrigkeit gehören nicht in die Kategorie „typisch Herbst“, sondern sollten ärztlich abgeklärt werden.

4. Stress reduzieren – genauer: Erholung wieder ermöglichen. Stress lässt sich nicht vollständig vermeiden, und er ist auch nicht grundsätzlich schädlich. Kurzfristige Aktivierung hilft uns, aufmerksam und handlungsfähig zu sein. Belastend wird Stress vor allem dann, wenn Anforderungen dauerhaft hoch bleiben und Regeneration ausfällt. Gerade im Herbst verdichtet sich für viele der Alltag, während jene Aktivitäten verschwinden, die im Sommer nebenbei für Ausgleich gesorgt haben. „Stress reduzieren“ bedeutet deshalb selten, alle Verpflichtungen abzuschaffen. Es bedeutet, unnötige Belastungen zu erkennen, Grenzen zu setzen und verlässliche Erholungsräume zu schaffen. Das kann ein bildschirmfreier Abend sein, eine realistische Aufgabenliste, ein Spaziergang ohne Leistungsziel, eine kurze Atem- oder Achtsamkeitsübung oder ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Entscheidend ist nicht die modische Methode, sondern ob sie tatsächlich aus der Daueranspannung herausführt. Wer über längere Zeit erschöpft, niedergeschlagen, innerlich getrieben oder nicht mehr belastbar ist, braucht möglicherweise mehr als Selbstfürsorge. Dann ist professionelle Hilfe kein Scheitern der eigenen Disziplin, sondern eine angemessene Reaktion.

5. Tageslicht suchen – bevor die Dunkelheit den Tag strukturiert. Dieser fünfte Punkt ist im Herbst der saisonalste. Licht ist nicht bloß Kulisse, sondern ein wichtiger Zeitgeber für den Schlaf-Wach-Rhythmus. Untersuchungen verbinden eine geringe Lichtexposition am Tag mit ungünstigeren Schlaf-, Stimmungs- und zirkadianen Merkmalen, auch wenn daraus nicht bei jedem Menschen eine saisonale Depression folgt. Sinnvoll ist daher, besonders am Morgen oder Vormittag regelmäßig nach draußen zu gehen. Selbst ein bedeckter Himmel bietet gewöhnlich deutlich mehr Licht als ein durchschnittlich beleuchteter Innenraum. Es geht nicht um möglichst lange oder ungeschützte Sonnenbäder, sondern um einen biologisch klaren Unterschied zwischen Tag und Nacht: tagsüber hell, abends zunehmend dunkel. Ebenso wenig sollte aus normaler herbstlicher Trägheit vorschnell eine Diagnose werden. Wenn Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Rückzug oder starke Antriebslosigkeit anhalten und den Alltag beeinträchtigen, ist ärztlicher oder psychotherapeutischer Rat angezeigt.

Nicht Perfektion schützt, sondern Verlässlichkeit

Die fünf Punkte wirken zunächst beinahe enttäuschend gewöhnlich. Genau darin liegt ihre Stärke. Gesundheit entsteht selten durch eine heroische Woche, sondern durch Bedingungen, die auch an einem kalten, dunklen Dienstag tragen. Eine gute Mahlzeit macht eine unausgewogene Woche nicht ungeschehen; ein ausgelassenes Training zerstört aber ebenso wenig die körperliche Fitness. Entscheidend ist die Richtung, nicht die makellose Bilanz.

Der Herbst ist deshalb weniger eine Aufforderung zur Selbstoptimierung als eine Einladung zur Bestandsaufnahme: Esse ich noch so, dass es mir guttut? Bewege ich mich regelmäßig? Gebe ich meinem Schlaf genügend Raum? Gibt es echte Erholung in meinem Alltag? Bekomme ich am Tag ausreichend Licht? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, braucht meist keine spektakuläre Herbststrategie. Oft genügt es, das Selbstverständliche wieder verlässlich zu machen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Quellen und weiterführende Literatur:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Gut essen und trinken – die DGE-Empfehlungen. Bonn, 2024.

World Health Organization: WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Geneva, 2020.

Watson, Nathaniel F. et al.: Recommended Amount of Sleep for a Healthy Adult: A Joint Consensus Recommendation of the American Academy of Sleep Medicine and Sleep Research Society. Journal of Clinical Sleep Medicine, 2015, 11(6), 591–592.

Blume, Christine; Garbazza, Corrado; Spitschan, Manuel: Effects of Light on Human Circadian Rhythms, Sleep and Mood. Somnologie, 2019, 23, 147–156.

Burns, Angus C. et al.: Time Spent in Outdoor Light Is Associated with Mood, Sleep, and Circadian Rhythm-Related Outcomes: A Cross-Sectional and Longitudinal Study in Over 400,000 UK Biobank Participants. Journal of Affective Disorders, 2021, 295, 347–352.

National Institute of Mental Health: Seasonal Affective Disorder. Bethesda, ohne Jahr.

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