Wie ein Medikament Amerika abhängig macht(e)
- floriansonneck
- 17. Juli
- 11 Min. Lesezeit

OxyContin, Purdue Pharma und die Verwandlung des Schmerzes in ein Geschäft Die Geschichte der amerikanischen Opioidkrise handelt von medizinischer Hoffnung, wirtschaftlicher Verführung und einem Vertrauen, das zur Ware wurde.
Ein Medikament versprach, selbst schwere Schmerzen über viele Stunden beherrschbar zu machen. Für Millionen Menschen bedeutete das zunächst Hoffnung. Für Purdue Pharma und die Sackler-Familie wurde OxyContin zum Milliardengeschäft. Doch aus dem medizinischen Versprechen entwickelte sich eine der schwersten Suchtepidemien der modernen Geschichte – und eine grundsätzliche Frage: Was geschieht, wenn menschliches Leiden nicht mehr nur als Aufgabe, sondern als Markt betrachtet wird?
Ein Mensch kommt mit Schmerzen in eine Arztpraxis. Vielleicht hat er jahrzehntelang in einer Mine gearbeitet, auf Baustellen schwere Lasten getragen oder sich bei einem Arbeitsunfall den Rücken verletzt, vielleicht wacht er seit Monaten jeden Morgen mit dem Gefühl auf, der eigene Körper sei zu einem Gefängnis geworden. Der Arzt bietet ihm ein Medikament an. Eine Tablette, die nicht nur kurz, sondern viele Stunden wirken soll. Auf der Packung stehen ein zugelassener Wirkstoff, eine präzise Dosierung und medizinische Warnhinweise. Das Präparat wurde geprüft, verschrieben und von einer Apotheke ausgegeben. Alles daran wirkt kontrolliert, wissenschaftlich und vernünftig.
In diesem Moment denkt niemand an Beschaffungskriminalität, Heroin, Fentanyl oder Tod. Der Patient möchte nur, dass der Schmerz aufhört.
Wie aber kann aus einem medizinischen Akt der Hilfe der Beginn einer gesellschaftlichen Katastrophe werden?
Die Geschichte der OxyContin-Opioidkrise ist nicht allein die Geschichte eines gefährlichen Arzneimittels. Sie handelt von einem Versprechen, das zu groß wurde, von einem Markt, der immer weiter wachsen musste, und von einer Gesellschaft, die glaubte, menschliches Leiden lasse sich wie ein technischer Defekt ausschalten.
Das Versprechen in der Tablette
OxyContin ist ein starkes Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Oxycodon. Die US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigte das Präparat im Dezember 1995. Seine Besonderheit lag in der verzögerten Freisetzung des Wirkstoffs: Statt alle vier bis sechs Stunden sollte es grundsätzlich nur alle zwölf Stunden eingenommen werden müssen. Damit verband sich die Hoffnung auf eine gleichmäßigere und länger anhaltende Schmerzlinderung. (U.S. Food and Drug Administration) kam in einer Zeit auf den Markt, in der die amerikanische Medizin Schmerzen stärker als zuvor in den Mittelpunkt rückte. Ärzte waren über Jahrzehnte zu Recht dafür kritisiert worden, Schmerzen nicht ernst genug zu nehmen. Besonders Menschen mit chronischen Beschwerden fühlten sich häufig unverstanden, unterbehandelt oder mit ihrem Leiden allein gelassen.
In diesem Klima erschien OxyContin wie eine Antwort der modernen Medizin auf eine alte menschliche Erfahrung. Ein starker Wirkstoff, eine kontrollierte Freisetzung, eine verlässliche Wirkungsdauer: Der Schmerz, so schien es, konnte berechenbar werden.
Doch in diesem Versprechen lag bereits eine problematische Erwartung. Aus dem berechtigten Wunsch, unnötiges Leiden zu lindern, entstand zunehmend die Vorstellung, jede Form von Schmerz müsse vollständig beseitigt werden. Die Medizin sollte nicht mehr nur helfen, mit einer Erkrankung zu leben. Sie sollte das Leiden möglichst unsichtbar machen.
Schmerz ist jedoch mehr als ein elektrisches Signal, das sich einfach abschalten lässt. Er entsteht im Zusammenspiel von Körper, Gehirn, Biografie, Angst, sozialer Lage und persönlicher Bedeutung. Zwei Menschen mit einer ähnlichen Verletzung können völlig unterschiedlich leiden. Eine Tablette kann das Signal dämpfen. Sie kann aber nicht automatisch die Lebenssituation verändern, in der der Schmerz entstanden ist.
Als Leiden zum Markt wurde
Purdue Pharma beschränkte die Vermarktung von OxyContin nicht auf Krebsmedizin, Palliativversorgung oder wenige schwerste Schmerzfälle. Das Unternehmen baute seine Vertriebsorganisation aus und warb bei einer großen Zahl niedergelassener Ärzte für einen breiteren Einsatz bei mittelstarken bis starken chronischen Schmerzen. Eine Untersuchung des US-Rechnungshofs GAO beschrieb bereits 2003 eine umfangreiche Marketingkampagne und eine vergrößerte Vertriebsmannschaft. Bis dahin waren fast die Hälfte der Ärzte, die OxyContin verschrieben, Hausärzte beziehungsweise allgemeinmedizinisch tätige Mediziner. Besonders erfolgreich war das Präparat in Regionen, in denen viele Menschen körperlich schwer arbeiteten: im Bergbau, in der Industrie, im Baugewerbe oder in anderen Berufen mit hohem Verletzungs- und Verschleißrisiko. Dort trafen chronische Schmerzen häufig auf Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Niedergang, psychische Belastungen und eine begrenzte medizinische Versorgung.
Das Medikament behandelte deshalb manchmal nicht nur einen schmerzenden Rücken, es dämpfte für einige Menschen zugleich Angst, Erschöpfung, innere Unruhe und das Gefühl, im eigenen Leben keinen Platz mehr zu finden.
Spätestens hier wird aus einer pharmazeutischen Geschichte eine philosophische Frage: Was verändert sich, wenn menschliches Leiden nicht mehr allein als medizinische Aufgabe, sondern zugleich als wirtschaftliche Gelegenheit betrachtet wird?
Ein Markt verlangt Wachstum. Medizin sollte dagegen danach fragen, wie viel Behandlung wirklich notwendig ist. Ein erfolgreich behandelter Patient benötigt im besten Fall irgendwann weniger Medizin. Ein erfolgreich erschlossener Arzneimittelmarkt benötigt mehr Kunden, höhere Umsätze und eine dauerhafte Nachfrage.
Dieser Widerspruch betrifft nicht nur Purdue Pharma, er liegt grundsätzlich in jedem Gesundheitssystem, in dem Unternehmen mit Krankheiten Geld verdienen müssen. Wirtschaftlicher Erfolg ist nicht automatisch unmoralisch. Forschung, Entwicklung und Produktion brauchen Kapital. Gefährlich wird es jedoch dort, wo nicht mehr die angemessene Behandlung den Absatz bestimmt, sondern der gewünschte Absatz die Definition angemessener Behandlung beeinflusst.
Vertrauen als unsichtbarer Vertrag
Kein Patient kann ein komplexes Medikament vollständig selbst beurteilen, er kann weder die Zulassungsstudien nachprüfen noch die Pharmakologie umfassend bewerten; er muss vertrauen: dem Arzt, der Apotheke, den Behörden, den wissenschaftlichen Veröffentlichungen, den Herstellerangaben und den Institutionen, die behaupten, Nutzen und Risiken geprüft zu haben. Dieses Vertrauen ist keine Naivität. Es ist die unverzichtbare Grundlage einer arbeitsteiligen Gesellschaft.
Gerade deshalb ist sein Missbrauch so folgenreich.
Im Jahr 2007 bekannte sich ein Purdue-Unternehmen schuldig, OxyContin in den Jahren 1996 bis 2001 irreführend vermarktet zu haben. Nach Darstellung des US-Justizministeriums war das Präparat unter anderem fälschlich als weniger abhängig machend, weniger missbrauchsanfällig und weniger wahrscheinlich für Entzugssymptome dargestellt worden als andere Schmerzmittel. Der Vertreter verkaufte. Der Arzt verschrieb, die Apotheke gab das Medikament aus, die Versicherung bezahlte, die Behörde überwachte, der Patient nahm die Tabletten ein.
Jeder sah nur einen Teil. Gerade dadurch konnte Verantwortung verdünnt werden, bis sie kaum noch jemand vollständig bei sich selbst erkannte. Der Patient vertraute dem Arzt, der Arzt vertraute vermeintlich wissenschaftlichen Informationen, Behörden verließen sich teilweise auf Daten, Meldungen und Maßnahmen des Herstellers. Und das Unternehmen konnte darauf verweisen, dass letztlich Ärzte über jede einzelne Verschreibung entschieden. So entsteht institutionelles Versagen: nicht immer, weil niemand verantwortlich ist, sondern weil sich jeder nur für einen kleinen Ausschnitt verantwortlich fühlt.
Was Opioide im Menschen verändern
Oxycodon bindet vor allem an sogenannte μ-Opioidrezeptoren im Gehirn, im Rückenmark und in anderen Teilen des Körpers. Dadurch werden Schmerzsignale gedämpft. Gleichzeitig können Opioide beruhigend wirken, Wohlgefühl erzeugen und die emotionale Bedeutung von Schmerzen verändern.
Für schwer kranke Menschen kann diese Wirkung ein Segen sein. Opioide ermöglichen nach Operationen, bei Tumorerkrankungen und in der Palliativmedizin eine Schmerzlinderung, auf die moderne Medizin nicht verzichten kann. Die Weltgesundheitsorganisation betont deshalb neben den Gefahren von Überdosierungen auch die legitime und wichtige Rolle dieser Medikamente bei starken Schmerzen.
Das Gehirn passt sich an eine regelmäßige Einnahme an. Es kann eine Toleranz entstehen: Die bisherige Dosis wirkt schwächer, sodass für denselben Effekt mehr Wirkstoff benötigt wird.
Zugleich kann sich eine körperliche Abhängigkeit entwickeln. Wird das Medikament plötzlich abgesetzt, können Unruhe, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Schwitzen, Durchfall und weitere schwere Entzugssymptome auftreten.
Körperliche Abhängigkeit ist nicht automatisch eine Suchterkrankung. Auch ein korrekt behandelter Patient kann körperlich abhängig werden, ohne das Medikament zwanghaft zu suchen oder trotz schwerer Schäden weiter einzunehmen. Eine Opioidkonsumstörung ist dagegen durch einen zunehmend schwer kontrollierbaren Konsum trotz negativer Folgen gekennzeichnet. Abhängigkeit beziehungsweise Sucht gilt medizinisch als chronische Erkrankung und nicht als bloßer Mangel an Charakter oder Willenskraft. Das individuelle Risiko hängt unter anderem von Dosis, Behandlungsdauer, Vorerkrankungen, psychischer Verfassung, früheren Suchterfahrungen, sozialer Umgebung und medizinischer Begleitung ab. Selbst bei korrekter Verschreibung ist eine Suchterkrankung jedoch möglich. Die heutige US-Fachinformation zu OxyContin warnt ausdrücklich vor Abhängigkeit, Missbrauch, Überdosierung und Tod. Die Verführungskraft der Opioide liegt darin, dass sie nicht nur körperliche Schmerzen dämpfen können: Für manche Menschen wird für einige Stunden auch das übrige Leben leichter: die Angst, die Einsamkeit, die Trauer, die Erinnerung an einen Unfall oder das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Dann nimmt ein Mensch irgendwann nicht mehr nur etwas gegen seinen Rücken. Er nimmt etwas gegen das gesamte Gewicht seines Lebens.
Wenn Linderung zur Voraussetzung wird
Ein Medikament soll Freiheit zurückgeben. Es soll ermöglichen, wieder zu schlafen, sich zu bewegen, zu arbeiten oder am Leben teilzunehmen.
Doch wann wird ein Mittel, das Freiheit ermöglichen soll, selbst zu einer Form von Unfreiheit?
Dieser Übergang geschieht selten in einem einzigen dramatischen Moment. Er beginnt möglicherweise damit, dass die Wirkung vor der nächsten vorgesehenen Einnahme nachlässt. Der Schmerz kehrt zurück. Vielleicht kommen Unruhe oder erste Entzugssymptome hinzu. Die nächste Tablette wird nicht mehr nur genommen, um sich besser zu fühlen, sondern um sich nicht schlechter zu fühlen.
Aus einer Hilfe wird eine Voraussetzung, aus einer Möglichkeit wird eine Notwendigkeit.
Sucht bedeutet nicht, dass ein Mensch überhaupt keinen Willen mehr besitzt. Sie bedeutet, dass seine Freiheit kleiner wird. Der Betroffene bleibt ein handelndes Wesen, doch seine Entscheidungen stehen zunehmend unter biologischem, psychischem und sozialem Zwang.
Die moralische Aufforderung, einfach aufzuhören, übersieht diesen Verlust an Handlungsspielraum. Sie verwechselt die abstrakte Möglichkeit einer Entscheidung mit der tatsächlichen Fähigkeit, sie unter den Bedingungen einer schweren Abhängigkeit zu treffen.
Vom Rezept zu Heroin und Fentanyl
Die amerikanische Opioidkrise entwickelte sich in mehreren Wellen. Zunächst stiegen die Verschreibungen opioidhaltiger Schmerzmittel stark an. Anschließend nahm der Missbrauch verschreibungspflichtiger Präparate zu. Tabletten wurden teilweise zerbrochen oder zermahlen, um die verzögerte Freisetzung zu umgehen und den Wirkstoff schneller aufzunehmen.
Purdue brachte 2010 eine veränderte Formulierung von OxyContin auf den Markt, die schwerer zu zerdrücken oder aufzulösen sein sollte. Gleichzeitig wurden Verschreibungen stärker kontrolliert. Doch ein abhängiger Mensch verliert seine Abhängigkeit nicht dadurch, dass der bisherige Stoff schwerer erhältlich wird. Ein Teil der Betroffenen wechselte zu Heroin oder anderen Opioiden. Die genaue Bedeutung der OxyContin-Reformulierung für diesen Übergang wird wissenschaftlich differenziert beurteilt; sie erklärt die Entwicklung nicht allein.
Später veränderte illegal hergestelltes Fentanyl den Drogenmarkt grundlegend. Das synthetische Opioid ist hochpotent und kann bereits in sehr kleinen Mengen tödlich wirken. Es wird illegalen Drogen beigemischt oder in gefälschten Tabletten verarbeitet, teilweise ohne Wissen der Konsumenten. Bis 2023 starben in den Vereinigten Staaten nach Angaben der CDC etwa 806.000 Menschen an Überdosierungen, an denen verschreibungspflichtige oder illegale Opioide beteiligt waren.
Im Jahr 2023 standen etwa 69 Prozent aller Drogentoten mit synthetischen Opioiden – vor allem illegal hergestelltem Fentanyl – in Verbindung.
Doch die Geschichte zeigt ein grundsätzliches Problem: Wer den Zugang zum ursprünglichen Medikament begrenzt, ohne die Abhängigkeit, die seelische Not und die soziale Perspektivlosigkeit zu behandeln, beseitigt nicht unbedingt die Ursache. Er verändert möglicherweise nur den Beschaffungsweg.
Die Sacklers: Reichtum, Kunst und Verantwortung
Purdue Pharma gehörte der Sackler-Familie. Während OxyContin enorme Umsätze erzielte, wurde der Familienname zugleich zu einem Symbol kultureller Großzügigkeit. Museen, Universitäten, Galerien und wissenschaftliche Einrichtungen trugen ihn sichtbar an ihren Gebäuden.
Hier zeigte sich die moralische Macht des Geldes. Große Spenden finanzieren Kunst, Forschung und Bildung. Zugleich kaufen sie öffentliche Anerkennung. Ein Name an einem Museumsflügel verwandelt privates Vermögen in kulturelle Erinnerung.
Als die Rolle von Purdue Pharma in der Opioidkrise immer stärker öffentlich diskutiert wurde, gerieten auch die Kulturinstitutionen unter Druck. Das Metropolitan Museum of Art in New York entfernte 2021 den Sackler-Namen von sieben Ausstellungsbereichen, darunter den Räumen um den berühmten Tempel von Dendur. Auch andere Institutionen distanzierten sich oder entfernten Namenszüge.
Eine Spende ist nicht wertlos, nur weil das Geld aus einem problematischen Geschäft stammt. Die damit finanzierte Forschung kann Menschen helfen, ein Museum kann Bildung vermitteln. Dennoch kann Wohltätigkeit die Frage nach der Herkunft eines Vermögens nicht beantworten.
Vielleicht liegt gerade darin eine der unbequemen Lehren dieser Geschichte: Gesellschaften hinterfragen große Vermögen oft erst dann, wenn die moralischen Kosten nicht mehr zu übersehen sind. Solange ein Teil des Geldes sichtbar an Kunst und Wissenschaft zurückfließt, erscheint die Herkunft des größeren Teils erstaunlich lange nebensächlich.
Ärzte zwischen Helfen und Irrtum
Es wäre zu einfach, die Opioidkrise als Geschichte skrupelloser Unternehmen und verantwortungsloser Ärzte zu erzählen.
Viele Ärzte wollten helfen. Sie behandelten Menschen, die tatsächlich litten. Sie waren Teil einer medizinischen Bewegung, die den Schmerz endlich ernst nehmen wollte. Hinzu kamen Zeitdruck, fehlende Therapieplätze, begrenzte Möglichkeiten für Physiotherapie und Psychotherapie sowie die Erwartung, Beschwerden schnell und messbar zu reduzieren.
Gute Absichten schützen jedoch nicht automatisch vor schlechten Folgen.
Professionelle Verantwortung bedeutet deshalb mehr als Mitgefühl. Sie verlangt, Informationen kritisch zu prüfen, Risiken immer wieder neu zu bewerten und zu erkennen, wann eine Behandlung ihre ursprüngliche Funktion verloren hat.
Auch Purdue setzte problematische Praktiken nach den ersten Verfahren fort. Das Unternehmen bekannte sich 2020 in drei Fällen schuldig, unter anderem wegen Betrugs- und Kickback-Verschwörungen. Nach den gerichtlichen Feststellungen vermarktete Purdue seine Opioide zwischen 2007 und 2017 auch gegenüber Ärzten, bei denen das Unternehmen erhebliche Hinweise auf medizinisch nicht gerechtfertigte Verschreibungen hatte. Zudem wurden Zahlungen über ärztliche Vortragsprogramme und an eine Plattform für elektronische Patientenakten eingesetzt, um Verordnungen zu fördern. Im April 2026 wurde Purdue zu einer Geldstrafe von 3,544 Milliarden Dollar und einem zusätzlichen Verfall von zwei Milliarden Dollar verurteilt; die praktische Abwicklung erfolgt im Zusammenhang mit dem Insolvenzverfahren.
Purdue Pharma meldete 2019 Insolvenz an. Ein früherer Sanierungsplan sah vor, dass Mitglieder der Sackler-Familie Milliarden zahlten und im Gegenzug umfassend vor weiteren Opioidklagen geschützt wurden, obwohl sie selbst keinen Insolvenzantrag gestellt hatten.
Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten verwarf diesen Plan im Juni 2024. Das Insolvenzrecht erlaube es nicht, Ansprüche gegen nicht insolvente Dritte ohne Zustimmung der Betroffenen weitgehend auszulöschen. Das Gericht stellte dabei keine abschließende persönliche Schuld einzelner Sackler-Mitglieder fest. Es entschied über die Grenzen des Insolvenzrechts. Über Verhandlungen kam 2025 ein Vergleich über insgesamt 7,4 Milliarden Dollar zustande. Davon sollen bis zu 6,5 Milliarden von Sackler-Familienmitgliedern und etwa 900 Millionen von Purdue stammen. Der Plan wurde im November 2025 gerichtlich bestätigt und trat am 1. Mai 2026 rechtlich in Kraft. Die Sacklers verloren die Kontrolle über das Unternehmen und dürfen in den Vereinigten Staaten keine Opioide mehr verkaufen. Purdue wird aufgelöst; an seine Stelle tritt mit Knoa Pharma eine gemeinwohlorientierte Nachfolgegesellschaft. Ein Großteil der Gelder soll in Behandlung, Prävention und Wiederherstellung fließen. Es ist aber keine vollständige moralische Abrechnung. Geld kann Behandlungsprogramme finanzieren und Betroffenen wenigstens begrenzte Entschädigung bieten. Es kann jedoch weder Tote zurückbringen noch verlorene Lebensjahre ersetzen.
Das Recht fragt, was einer Person oder einem Unternehmen konkret nachgewiesen werden kann. Die Moral fragt zusätzlich, was jemand hätte erkennen müssen, welche Warnungen übergangen wurden und welche Folgen für den eigenen Vorteil in Kauf genommen wurden. Juristische Haftung und moralische Verantwortung sind deshalb nicht dasselbe.
Was Deutschland daraus lernen sollte
Deutschland ist nicht Amerika. Eine unmittelbare Übertragung der US-Entwicklung wäre sachlich falsch. Direkte Arzneimittelwerbung gegenüber Verbrauchern ist deutlich stärker begrenzt, die medizinischen und versicherungsrechtlichen Strukturen unterscheiden sich, und die Verschreibungsentwicklung verlief anders. Eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte veranlasste Untersuchung fand für Deutschland zwischen 2005 und 2020 sogar einen Rückgang der Verordnungen opioidhaltiger Schmerzmittel um 19 Prozent. Das BfArM sieht deshalb keine Hinweise auf eine mit den USA vergleichbare Opioidkrise. Nach Angaben eines aktuellen deutschen Forschungsprojekts erhalten knapp fünf Prozent der Bevölkerung jährlich mindestens eine Opioidverordnung; etwa ein Prozent der gesetzlich Versicherten wird über mindestens drei Quartale behandelt. Besonders die langfristige Anwendung bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen kann mit Über-, Unter- oder Fehlbehandlung verbunden sein. Gebrauchsinformationen für oxycodon- oder fentanylhaltige Arzneimittel in Deutschland sollen deshalb einen besonders hervorgehobenen Hinweis tragen: Diese Medikamente können körperlich abhängig machen und zu einer Suchterkrankung führen. Bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen sollten sie in ein umfassendes Behandlungskonzept eingebunden werden. Dazu können Bewegung, Physiotherapie, psychotherapeutische Verfahren, Entspannung, soziale Unterstützung und andere Medikamente gehören. Entscheidend sind klare Therapieziele, regelmäßige Kontrollen und die gemeinsame Prüfung, ob der Nutzen weiterhin größer ist als das Risiko.
Medikamente sind keine moralischen Wesen
Eine Tablette kennt weder Gier noch Mitgefühl. Sie besitzt eine chemische Wirkung, aber keine Absicht.
Die moralische Frage beginnt bei den Menschen und Institutionen, die entscheiden, wie ein Medikament erforscht, zugelassen, beworben und verschrieben wird. Sie beginnt dort, wo Risiken bekannt werden und dennoch wirtschaftliche Ziele stärker wiegen. Und sie beginnt auch dort, wo eine Gesellschaft die Erwartung entwickelt, jedes Leiden müsse augenblicklich verschwinden.
Schmerz darf nicht romantisiert werden. Es gibt kein moralisches Verdienst darin, unnötig zu leiden. Die Linderung von Schmerz gehört zu den großen humanen Leistungen der Medizin.
Doch nicht jeder Schmerz ist nur ein technischer Defekt, mancher Schmerz verweist auf einen geschädigten Körper, mancher auf eine zerstörerische Arbeit, mancher auf Einsamkeit, Verlust oder ein Leben ohne Perspektive. Eine Tablette kann diese Erfahrungen dämpfen. Sie kann sie nicht immer lösen.
Die Geschichte von OxyContin ist deshalb mehr als die Geschichte eines Medikaments oder eines Unternehmens. Sie erzählt von einer Gesellschaft, die den Schmerz abschaffen wollte und dabei zu spät erkannte, dass auch die Befreiung vom Schmerz einen Preis haben kann.
Sie erinnert uns daran, dass Vertrauen ein unsichtbarer Vertrag ist: Wer Medikamente entwickelt, bewirbt, zulässt oder verschreibt, übernimmt Verantwortung für Menschen, die dieses Wissen nicht selbst überprüfen können.
Und sie stellt eine Frage, die weit über Purdue Pharma hinausreicht:
Betrachten wir menschliches Leiden als Auftrag zur Hilfe – oder als Gelegenheit zum Gewinn?
Weiterführende Quellen
Centers for Disease Control and Prevention: Daten und historische Einordnung der amerikanischen Opioidkrise. (CDC)S. Department of Justice:** Strafverfahren und Schuldeingeständnisse von Purdue Pharma. Dokumentation „Big Dope – Milliardengeschäft mit dem Schmerz“. (ZDF)
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Opioidhaltige Medikamente dürfen nicht eigenmächtig reduziert oder abgesetzt werden. Ein plötzliches Absetzen kann schwere Entzugssymptome verursachen. Veränderungen der Behandlung sollten ausschließlich in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt und häufig schrittweise erfolgen.



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