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Leben in Deutschland? Nein danke! – Aber wohin genau?

24. Sept.
4 Min. Lesezeit

Deutschland ist ein Land, das hervorragend funktioniert, solange man nichts von ihm will. Wer keine Wohnung sucht, keinen Handwerker braucht, nicht mit der Bahn fährt, keine Behörde kontaktiert, keinen Facharzttermin benötigt und es vermeidet, eine unternehmerische Idee zu entwickeln, kann hier ausgesprochen angenehm leben.

Alle anderen lernen früh, dass die Bundesrepublik kein Staat, sondern ein Vorgang ist. Dieser Vorgang wurde erfasst, an die zuständige Stelle weitergeleitet und wird dort unaufgefordert bearbeitet. Von Rückfragen bitten wir abzusehen. Sollte sich zwischenzeitlich Ihr Familienstand, Ihr Einkommen, Ihre Anschrift oder Ihre Existenz geändert haben, reichen Sie bitte das beigefügte Formular erneut ein.

Kein Wunder also, dass der Satz „Ich gehe hier weg“ inzwischen zum deutschen Grundwortschatz gehört. Früher drohte man damit, den Sportverein zu verlassen. Heute eröffnet man ein YouTube-Format aus Zypern und erklärt den Daheimgebliebenen, dass Freiheit dort beginne, wo das Finanzamt endet. Im Hintergrund rauscht das Meer, im Vordergrund steht ein Mikrofon, und irgendwo außerhalb des Bildes versucht ein Steuerberater verzweifelt, die steuerliche Ansässigkeit zu klären.

Der Wunsch auszuwandern ist verständlich. Deutschland verlangt viel von seinen Bürgern. Beim alleinstehenden Durchschnittsverdiener ohne Kinder betrug der sogenannte Steuer- und Abgabenkeil 2025 nach OECD-Berechnung 49,3 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Nur Belgien lag noch höher. Dafür bekommt der Deutsche einen leistungsfähigen Staat – jedenfalls sobald dieser wieder erreichbar ist.

Der deutsche Staat ist wie ein sehr teures Restaurant, in dem das Personal erklärt, die Küche sei überlastet, der Tisch müsse selbst reserviert und das Essen aus Datenschutzgründen persönlich abgeholt werden. Bezahlt wird selbstverständlich vorab. Trinkgeld heißt Rundfunkbeitrag.

Immerhin verfügt das Land über eine besondere Form der Gleichheit: Jeder wartet. Der Kassenpatient auf den Facharzt, der Bauherr auf die Genehmigung, der Unternehmer auf die Steuernummer, der Angeklagte auf den Prozess und der Bahnreisende auf alles zusammen. Warten verbindet. Vermutlich ist es das letzte große nationale Gemeinschaftserlebnis.

Die Deutsche Bahn meldete für 2025 eine Fernverkehrspünktlichkeit von 60,1 Prozent. Anders formuliert: Vier von zehn Fernzügen erreichten ihr Ziel nicht pünktlich, wobei „pünktlich“ bei der Bahn bereits eine gewisse Großzügigkeit enthält. Die Bahn ist damit weniger ein Verkehrsmittel als ein pädagogisches Konzept. Sie lehrt Gelassenheit, Improvisation und die Relativität von Zeit – Fähigkeiten, für die man andernorts Meditationskurse buchen müsste.

Auch die Digitalisierung schreitet voran. Man kann Formulare inzwischen am Bildschirm herunterladen, ausdrucken, unterschreiben und per Post versenden. Manche Behörden akzeptieren sogar E-Mails, sofern das Original zusätzlich auf dem Postweg eingeht. Deutschland hat das papierlose Büro vollständig verwirklicht: Das Papier liegt jetzt beim Bürger.

Wer ein Unternehmen gründen möchte, erhält zunächst umfangreiche Informationen darüber, welche Informationen noch fehlen. Innovation ist ausdrücklich erwünscht, muss aber spätestens sechs Wochen vor Beginn beantragt werden. Eine Garage wie im Silicon Valley wäre hier vermutlich an der Nutzungsänderung gescheitert. Der deutsche Steve Jobs hätte den ersten Macintosh nicht gebaut, sondern eine brandschutzrechtliche Stellungnahme für den Hobbyraum eingeholt.

Dann die Wohnung. Sie ist jener Ort, an dem man theoretisch lebt, nachdem man ihn gefunden, finanziert und gegen 83 Mitbewerber verteidigt hat. Wer eine bezahlbare Wohnung besitzt, bleibt sicherheitshalber darin wohnen, selbst wenn sie längst nicht mehr zu seinem Leben passt. Flexibilität gilt schließlich als Stärke des Arbeitsmarktes, nicht des Mietmarktes.

Und doch beginnt an dieser Stelle das deutsche Paradox. Trotz aller berechtigten Klagen ist dieses Land besser als sein Ruf – wobei sein Ruf überwiegend von seinen Bewohnern stammt. International gehört Deutschland weiterhin zu den stabilsten Rechtsstaaten. Das Gesundheitssystem schneidet bei Zugang und Versorgungsqualität in mehreren zentralen Bereichen besser ab als der OECD-Durchschnitt und verfügt über überdurchschnittlich viele medizinische Ressourcen.

Man kann seine Regierung kritisieren, ohne anschließend die Zahnbürste für den Gefängnisaufenthalt einzupacken. Gerichte können staatliche Entscheidungen aufheben. Wer schwer erkrankt, wird behandelt, ohne zuvor seine Kreditkarte auf den Operationstisch legen zu müssen. Schulen, Hochschulen, soziale Sicherung, kommunale Infrastruktur und öffentliche Sicherheit sind nicht überall hervorragend, aber vorhanden. Das klingt bescheiden. Im internationalen Vergleich ist es das keineswegs.

Der deutsche Unmut entsteht deshalb weniger aus vollständigem Versagen als aus einem gewaltigen Preis-Leistungs-Problem. Ein Staat, der hohe Abgaben erhebt und seinen Bürgern umfassende Leistungen verspricht, darf sich nicht wundern, wenn diese Leistungen auch erwartet werden. Wer nahezu jeden zweiten Euro der Arbeitskosten beansprucht, kann bei der Terminvergabe nicht dauerhaft auf außergewöhnlich hohes Anfrageaufkommen verweisen.

Deutschland leidet nicht an zu hohen Erwartungen seiner Bürger. Es leidet daran, dass es sich an die eigene Mittelmäßigkeit zu gewöhnen beginnt. Der Zug ist verspätet – kennt man. Die Brücke ist gesperrt – dauert eben. Die Behörde antwortet nicht – Personalmangel. Das Gericht braucht Jahre – Überlastung. Jede einzelne Erklärung mag stimmen. In ihrer Summe entsteht ein Land, das für jedes Problem eine nachvollziehbare Begründung besitzt, aber immer seltener eine Lösung. Darüber darf man wütend sein. Man sollte nur nicht den Fehler machen, das Auswanderungsziel mit dem Ferienprospekt zu verwechseln. Italien besteht nicht ausschließlich aus Abendlicht, Aperitivo und Gardasee. Es besitzt auch Behörden, nur sprechen diese schöner. Die Schweiz ist sauber, sicher und pünktlich, verlangt dafür aber Eintrittspreise. Dubai erhebt wenig Einkommensteuer, interpretiert dafür manche Freiheitsrechte zurückhaltender. Skandinavien ist digital, effizient und sozial – liefert im Winter allerdings nur eingeschränkte Mengen Tageslicht.

Jedes Land hat einen Preis. Manchmal steht er auf dem Steuerbescheid, manchmal auf der Arztrechnung, manchmal im Mietvertrag und manchmal in den Rechten, die man nicht besitzt. Wer nur die Vorteile des Ziellandes mit den Nachteilen Deutschlands vergleicht, wandert nicht aus, sondern in eine Werbebroschüre ein.

Vielleicht ist die deutsche Fluchtfantasie ohnehin eine besondere Form der Heimatliebe. Man möchte nicht unbedingt fort. Man möchte, dass das Land wieder dem Bild entspricht, das es selbst von sich verbreitet: zuverlässig, gründlich, vernünftig und technisch auf der Höhe. Der Ärger ist so groß, weil die Möglichkeiten ebenso groß wären. Niemand regt sich darüber auf, dass ein altes Fahrrad keine 250 Stundenkilometer erreicht. Von einem hochpreisigen Automobil erwartet man es eher.

„Leben in Deutschland? Nein danke!“ ist deshalb weniger eine Kündigung als eine Reklamation. Die Bürger wollen kein anderes Land. Sie wollen eines, in dem Leistung nicht bestraft, Verwaltung nicht zum Hindernislauf und staatliche Ineffizienz nicht zur unveränderlichen Naturgewalt erklärt wird. Sie wollen einen Staat, der nicht nur immer neue Aufgaben übernimmt, sondern die vorhandenen zuverlässig erfüllt.

Deutschland ist weder gescheitert noch unbewohnbar. Es ist ein wohlhabendes, freies und vergleichsweise sicheres Land, das gerade eindrucksvoll demonstriert, wie man aus hervorragenden Voraussetzungen ein dauerhaftes Gefühl der Unzufriedenheit erzeugt.

Leben in Deutschland? Man kann es ablehnen. Die Kündigung bedarf allerdings der Schriftform. Eine digitale Übermittlung ist derzeit noch nicht vorgesehen. Und bevor Sie endgültig ausreisen, denken Sie bitte daran, Ihren Wohnsitz abzumelden, die Krankenversicherung zu informieren, die steuerliche Ansässigkeit zu klären und einen Nachsendeauftrag einzurichten.

Für Ihre Auswanderung ziehen Sie bitte eine Wartemarke.

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