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Warum Fahrradfahrer auf Autostraßen nerven

4. Okt.
5 Min. Lesezeit

Eine Glosse über rollende Hindernisse, eingebildete Besitzrechte und die erstaunliche Wirkung von zwölf Kilometern pro Stunde auf den menschlichen Charakter




Es gibt Augenblicke, in denen sich der zivilisierte Mensch in ein vorsintflutliches Raubtier verwandelt. Es genügt eine kurvige Landstraße, ein Gegenverkehr von zuverlässiger Dichte und vor der Motorhaube ein Fahrradfahrer. Funktionsshirt. Verspiegelte Brille. Trittfrequenz wie eine Nähmaschine. Geschwindigkeit: zwölf Kilometer pro Stunde. Sofort erwacht im Autofahrer eine Empörung, die sonst nur bei Steuerbescheiden, falsch einsortierten Pfandflaschen und Menschen auftritt, die an der Supermarktkasse erst nach dem Bezahlen nach ihrer Geldbörse suchen.

Der Radfahrer fährt nicht einfach. Er ist da. Und dieses Dasein ist sein eigentliches Vergehen.

Gewiss, es gibt Radfahrer, die sich alle Mühe geben, den schlechten Ruf ihrer Gattung nicht nur zu bestätigen, sondern sorgfältig auszubauen. Sie fahren zu zweit nebeneinander, weil ein Gespräch über Carbonlaufräder offenbar keinen Aufschub bis zum nächsten Café duldet. Sie ignorieren rote Ampeln mit der weltanschaulichen Festigkeit eines Souveräns, für den staatliche Farbenlehre nur eine unverbindliche Empfehlung darstellt. Sie tragen Kleidung, die selbst auf einer Bohrinsel als übertrieben fluoreszierend gelten würde, und blicken Autofahrer an, als seien Verbrennungsmotoren nicht erfunden, sondern persönlich von ihnen bestellt worden.

Manche benutzen die Fahrbahn, obwohl daneben ein Radweg liegt. Der Radweg ist leer, asphaltiert und womöglich sogar landschaftlich reizvoll. Dennoch bleibt der Radfahrer auf der Straße, wo sich hinter ihm binnen weniger Minuten eine Prozession bildet, die in ihrer Geduld an eine religiöse Bußübung erinnert. Auf dem Sattel thront er wie der Zeremonienmeister des entschleunigten Abendlandes. Hinter ihm: ein Linienbus, zwei Lieferwagen, ein Traktor und siebenundzwanzig Menschen, die plötzlich sehr genau wissen, wie sich Hass körperlich anfühlt.

Der Autofahrer wiederum sitzt in einer klimatisierten Kabine, hört einen Podcast über Achtsamkeit und ist außerstande, vierzig Sekunden zu verlieren. Er hat 150 PS zur Verfügung, ein Navigationsgerät mit Echtzeitberechnung und vermutlich einen Kaffee im Getränkehalter. Trotzdem empfindet er den Radfahrer als Anschlag auf seine Lebensplanung. Denn kaum etwas kränkt den motorisierten Menschen so sehr wie ein Verkehrsteilnehmer, der langsamer ist und dennoch dasselbe Recht auf Raum beansprucht.

Wem gehört die Straße?

Schon das Wort „Autostraße“ verrät das Missverständnis. Juristisch gibt es Autobahnen und Kraftfahrstraßen; auf diesen haben gewöhnliche Fahrräder tatsächlich nichts verloren. Auf den meisten Straßen aber, die Autofahrer im Alltag für Autostraßen halten, dürfen Radfahrer sehr wohl fahren. Die Fahrbahn gehört nicht demjenigen, der das schwerste Gerät, die höchste Geschwindigkeit oder die eindrucksvollste Monatsrate mitbringt. Sie ist öffentlicher Verkehrsraum – eine Art unfreiwillige Wohngemeinschaft auf Asphalt.

Radwege müssen außerdem nicht allein deshalb benutzt werden, weil sie existieren. Eine Benutzungspflicht besteht grundsätzlich nur, wenn sie durch die entsprechenden blauen Verkehrszeichen angeordnet ist. Das ist eine jener juristischen Tatsachen, die viele Autofahrer ähnlich erfreut aufnehmen wie die Nachricht, dass ihre Einfahrt unter Denkmalschutz steht. Der Radfahrer neben dem Radweg muss also nicht zwangsläufig ein Verkehrsrebell sein. Vielleicht kennt er schlicht die Regeln besser als der Mensch, der ihn gerade durch die geschlossene Seitenscheibe über die Straßenverkehrsordnung belehrt.

Natürlich kennt auch mancher Radfahrer die Regeln vor allem dort, wo sie ihm nützen. Dass nebeneinander nur gefahren werden darf, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird, erscheint gewissen Rennradgruppen als sprachlich reizvolle, aber praktisch bedeutungslose Fußnote. Das Prinzip gegenseitiger Rücksichtnahme wird gern in dem Augenblick entdeckt, in dem ein Auto überholt – und zuverlässig wieder vergessen, wenn zwanzig Fahrzeuge seit mehreren Kilometern hinter zwei plaudernden Freizeitprofis herrollen.

Beim Überholen verlangt die Straßenverkehrsordnung von Kraftfahrzeugen innerorts mindestens 1,5 Meter und außerorts mindestens zwei Meter Seitenabstand. Diese Abstände sind keine bürokratische Zierde. Ein Auto ist für seinen Fahrer eine schützende Karosserie, für den Radfahrer aber eine Tonne Metall, die mit erheblicher Geschwindigkeit an seinem Ellenbogen vorbeizieht. Was sich hinter dem Lenkrad wie ein souverän knappes Manöver anfühlt, kann auf dem Sattel wie eine kurze Begegnung mit der eigenen Sterblichkeit wirken.

Umgekehrt wäre es hilfreich, wenn Radfahrer gelegentlich anerkennen würden, dass Rücksicht keine Einbahnstraße mit Fahrradsymbol ist. Wer eine lange Kolonne hinter sich sammelt und an einer geeigneten Stelle gefahrlos Platz machen kann, verliert dadurch weder Würde noch Trainingswirkung. Auch moralische Überlegenheit wird nicht nach Durchschnittsgeschwindigkeit berechnet. Man darf umweltfreundlich unterwegs sein und sich trotzdem benehmen wie ein Egoist. Das Fahrrad ist ein Verkehrsmittel, kein Ablasshandel.

Warum also nerven Fahrradfahrer auf Straßen so sehr? Nicht bloß, weil sie langsam sind. Traktoren sind langsamer, Müllwagen halten ständig, Paketdienste stehen grundsätzlich dort, wo man vorbei müsste. Doch bei ihnen akzeptieren wir einen Zweck. Der Radfahrer wirkt dagegen aufreizend freiwillig. Er hätte, so lautet der unausgesprochene Vorwurf, auch ein Auto nehmen können. Dass er es nicht tut, erscheint dem Autofahrer beinahe wie eine Kritik am eigenen Lebensstil – selbst wenn der Mann auf dem Rennrad lediglich versucht, vor dem Mittagessen noch den Puls auf 160 zu bringen.

Das Fahrrad stellt außerdem die automobile Grundannahme infrage, Geschwindigkeit sei gleichbedeutend mit Bedeutung. Wer schneller fahren kann, fühlt sich automatisch als derjenige, dessen Zeit wertvoller ist. Der Radfahrer widerspricht dieser Hierarchie durch bloße Anwesenheit. Er zwingt den Manager, den Handwerker und den Sonntagsausflügler auf sein Tempo. Für einige hundert Meter gilt nicht mehr die Leistung des Motors, sondern die Geometrie der Straße. Das ist demokratisch, aber unerfreulich.

Der wahre Gegner trägt Warnweste und Sonnenbrille

Vielleicht sind Radfahrer und Autofahrer einander ähnlicher, als beide Seiten ertragen können. Beide halten sich selbst für vernünftig und die jeweils andere Gruppe für eine organisierte Zumutung. Der Autofahrer erinnert sich zuverlässig an jeden Radler, der bei Rot über die Kreuzung fuhr, nicht aber an die drei Autofahrer, die zuvor noch schnell bei Dunkelgelb abbogen. Der Radfahrer registriert jedes zu knappe Überholmanöver, übersieht jedoch mitunter, wie überraschend sein eigener Spurwechsel ohne Handzeichen für andere sein kann.

Auf der Straße begegnen sich keine Verkehrsmittel, sondern Selbstbilder. Im Auto sitzt der verantwortungsvolle Bürger, der dringend irgendwohin muss. Auf dem Rad fährt der gesundheitsbewusste Individualist, der Klima und Kreislauf zugleich rettet. Dass beide bisweilen unaufmerksam, rechthaberisch oder schlicht schlecht gelaunt sind, passt nicht ins jeweilige Heldenepos.

Hinzu kommt eine Verkehrsplanung, die aus jedem Zusammentreffen einen Charaktertest macht. Radwege beginnen, enden und verschwinden wie politische Versprechen. Schutzstreifen werden zwischen parkende Autos und fließenden Verkehr gemalt und anschließend als Infrastruktur gefeiert. Landstraßen verbinden Ortschaften, ohne für Menschen auf Fahrrädern einen sicheren eigenen Raum vorzusehen. Wo zwei Verkehrsarten mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit auf engem Platz konkurrieren, entstehen Konflikte nicht überraschend, sondern planmäßig.

Das entschuldigt niemanden. Aber es erklärt, weshalb die Debatte so zuverlässig moralisch entgleist. Statt über fehlenden Raum zu sprechen, diskutieren wir über die charakterlichen Defizite ganzer Fortbewegungsarten. „Die Radfahrer“ halten sich an nichts. „Die Autofahrer“ nehmen keine Rücksicht. Es fehlt nur noch, dass Fußgänger eine eigene Partei gründen und das Land endgültig unregierbar machen.

Ja, Fahrradfahrer können auf vermeintlichen Autostraßen nerven. Sie können den Verkehr aufhalten, Regeln großzügig interpretieren und ihr ökologisch einwandfreies Gefährt mit einer persönlichen Unfehlbarkeitserklärung verwechseln. Autofahrer können drängeln, hupen, gefährlich überholen und aus dem Besitz eines Führerscheins ein Grundrecht auf freie Fahrt ableiten. Beides ist lästig. Nur ist das eine meist eine Verzögerung – und das andere mitunter eine Lebensgefahr.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn jeder die Zumutung des anderen korrekt bemessen würde. Der Autofahrer verliert hinter einem Radfahrer häufig eine Minute. Der Radfahrer riskiert bei einem Fehler des Autofahrers sehr viel mehr. Der Radfahrer wiederum darf verstehen, dass Legalität allein noch keine Rücksichtnahme ist und eine gelegentliche Möglichkeit zum Vorbeifahren keinen Kotau vor dem Verbrennungsmotor darstellt.

Am Ende gehört die Straße weder den Autos noch den Fahrrädern. Sie gehört auch nicht den Lautesten, Schnellsten oder moralisch am besten Ausgerüsteten. Sie gehört allen – was bekanntlich die unangenehmste Form des Eigentums ist. Denn wo etwas allen gehört, muss man teilen.

Und Teilen nervt. Besonders bei Gegenverkehr.


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