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Wenn Schmerz zur Anklage wird

vor 4 Tagen
8 Min. Lesezeit



Ein typischer Morgen: Um 7.18 Uhr wird der Termin abgesagt. Der Rücken brennt schon beim Aufstehen, die Nacht war kurz, jede Bewegung wirkt wie eine schlechte Idee. Noch bevor die erste Tablette greift, beginnt ein zweites Geschehen: Schon wieder. Andere schaffen das doch auch. Du kannst dich auf dich selbst nicht verlassen. Der Schmerz hat sich in diesen Sekunden nicht verdoppelt. Das Leiden möglicherweise schon.

Chronischer Schmerz besitzt eine beunruhigende Nebenwirkung, die auf keinem MRT-Bild erscheint: Er kann aus einer körperlichen Erfahrung ein Urteil über die eigene Person machen. Aus „Es tut weh“ wird „Mit mir stimmt etwas nicht“. Aus einer notwendigen Pause wird ein Charakterfehler, aus Vorsicht vermeintliche Feigheit, aus Erschöpfung persönliches Versagen. Hier beginnt der ernst zu nehmende Teil des Selbstmitgefühls. Es ist kein Schmerzmittel und kein freundliches Selbstgespräch mit Heiligenschein. Es verhindert im besten Fall, dass aus einem Symptom eine Anklage wird.


Schmerz ist mehr als ein Gewebesignal

Die International Association for the Study of Pain definiert Schmerz als eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder möglicher Gewebeschädigung verbunden ist oder einer solchen Erfahrung ähnelt. Schmerz und Nozizeption, also die neuronale Verarbeitung potenziell schädigender Reize, sind nicht dasselbe. Biologische, psychologische und soziale Faktoren prägen die persönliche Schmerzerfahrung in jeweils unterschiedlichem Maß. Das bedeutet nicht, chronischer Schmerz sei „nur psychisch“. Es bedeutet, dass Schmerz nie bloß ein unverfälschter Bericht aus dem Gewebe ist. Bei manchen Erkrankungen senden entzündetes Gewebe oder geschädigte Nerven fortwährend Signale. Bei anderen hat sich die Schmerzverarbeitung verändert, obwohl keine fortschreitende Schädigung erkennbar ist. Häufig überlagern sich mehrere Mechanismen. Schlaf, Aufmerksamkeit, frühere Erfahrungen, Erwartungen, Stress und die Reaktionen anderer können die Wahrnehmung zusätzlich beeinflussen. Die Psyche wirkt am Schmerz mit. Sie erfindet ihn nicht.


Akuter Schmerz besitzt häufig eine erkennbare Warnfunktion: Die Hand verlässt die heiße Herdplatte. Chronischer Schmerz ist komplizierter. Bei manchen Schmerzformen reagiert das Warnsystem empfindlicher; bei anderen besteht die körperliche Ursache fort. Manche Menschen vermeiden aus Angst zunehmend Bewegung, andere übergehen jedes Signal, bis der nächste Einbruch folgt. Viele pendeln zwischen beidem: zu viel an einem guten Tag, völliger Rückzug am nächsten. Selbstkritik erscheint dabei leicht als Werkzeug der Disziplin. Reiß dich zusammen soll Aktivität erzwingen, stell dich nicht so an die Angst beseitigen. Doch innere Härte liefert keine verlässliche Diagnose und keine kluge Belastungssteuerung. Sie erhöht den Druck in einem System, das bereits unter Druck steht, bindet Aufmerksamkeit und kann Entscheidungen verschlechtern. Sie behandelt einen belasteten Menschen wie einen unwilligen Angestellten.


In der Psychologie bezeichnet Selbstmitgefühl eine bestimmte Weise, auf eigenes Leiden zu reagieren. Dazu gehören ein wohlwollender statt abwertender Umgang mit sich selbst, das Bewusstsein, mit Verletzlichkeit nicht außerhalb der menschlichen Gemeinschaft zu stehen, und eine möglichst nüchterne Wahrnehmung des gegenwärtigen Erlebens. Entscheidend ist das Verb: reagieren. Selbstmitgefühl ist weniger ein Gefühl als eine Form der Antwort. Diese Antwort kann warm klingen, muss es aber nicht. Für manche Menschen ist der Satz „Ich bin liebevoll mit mir“ so glaubwürdig wie eine Hotelwerbung. Eine tragfähige Formulierung darf spröder sein: „Unter diesen Bedingungen ist meine Reaktion nachvollziehbar. Was ist jetzt hilfreich?“ Das hat mit Nachgiebigkeit wenig zu tun. Eine mitfühlende Entscheidung kann eine Pause sein. Sie kann ebenso darin bestehen, eine vereinbarte Übung vorsichtig auszuführen, einen Arzttermin einzufordern, Medikamente nach Plan einzunehmen oder einer schädlichen Forderung zu widersprechen. Der Maßstab lautet nicht: Was fühlt sich im Augenblick am angenehmsten an? Sondern: Was dient meiner Versorgung, ohne mich zu bestrafen?

Was die Forschung trägt – und was nicht

Die wissenschaftliche Bilanz hat zwei Seiten. Für Selbstmitgefühl spricht zunächst ein bemerkenswert starker Zusammenhang: Eine 2025 erschienene Metaanalyse wertete 51 Studien mit insgesamt 15.424 chronisch erkrankten Menschen aus. Höheres Selbstmitgefühl ging deutlich mit geringerer psychischer Belastung einher; die Korrelation lag bei etwa −0,52. Der Befund ist relevant, aber enger, als er auf den ersten Blick wirkt: Untersucht wurden verschiedene chronische Erkrankungen, nicht ausschließlich chronische Schmerzen, und die meisten Daten waren querschnittlich erhoben. Sie zeigen, dass zwei Merkmale gemeinsam auftreten, nicht welches das andere verursacht. Weniger belastete Menschen könnten leichter freundlich mit sich umgehen; Selbstmitgefühl könnte seinerseits Belastung verringern; wahrscheinlich beeinflussen sich beide Prozesse. Aus der Korrelation allein lässt sich die Richtung jedoch nicht ablesen.

Für chronische Schmerzen im engeren Sinn ist die Datenbasis kleiner. Ein systematischer Review von 2021 identifizierte 16 Studien. Nur sieben davon untersuchten Interventionen; zusammen umfassten diese lediglich 253 Personen und unterschieden sich erheblich in Methode und Qualität. Die Autoren hielten eindeutige Wirksamkeitsaussagen deshalb nicht für gerechtfertigt. Ermutigende Einzelbefunde gibt es dennoch. In einer randomisierten Studie mit 123 Patientinnen und Patienten schnitt ein achtwöchiges „Mindful Self-Compassion“-Programm bei Selbstmitgefühl, Schmerzannahme, Schmerzbeeinträchtigung und Angst besser ab als ein standardisiertes kognitiv-verhaltenstherapeutisches Gruppenprogramm. Eine weitere randomisierte Studie mit 71 Teilnehmenden und ausgeprägter Selbstkritik fand Vorteile eines achtwöchigen internetgestützten Programms, das Akzeptanz- und Commitment-Therapie mit mitgefühlsorientierten Elementen verband, gegenüber einer Warteliste. Allerdings fehlten nach der Intervention bei 22,5 Prozent der Stichprobe Daten; zudem lässt sich aus einem kombinierten Programm nicht herausrechnen, welcher Bestandteil den Ausschlag gab.

Die stärkste Gegenposition lautet daher: Vielleicht ist Selbstmitgefühl kein klar abgrenzbarer Wirkfaktor. Möglicherweise überschneidet es sich mit Akzeptanz, psychologischer Flexibilität, geringerem Grübeln oder geringerer Depressivität. Wer sich besser fühlt, bewertet sich freundlicher – dann wäre Selbstmitgefühl teilweise ein Begleitzeichen der Besserung und nicht deren Ursache. Eine im Januar 2026 veröffentlichte Längsschnittstudie stützt diese Skepsis zumindest teilweise. Von 159 Erwachsenen mit chronischem Primärschmerz nahmen 96 an der Erhebung drei Monate später teil. Zwar hingen Mitgefühl, Krankheitsvorstellungen, Sorgen und Grübeln zu Beginn mit Angst oder Depression zusammen. Das anfängliche Mitgefühl sagte die spätere seelische Belastung jedoch nicht direkt voraus, sobald unter anderem Schmerzstärke, Beeinträchtigung und Ausgangswerte berücksichtigt wurden. Negative Krankheitsvorstellungen erwiesen sich für Grübeln und Depression als aussagekräftiger. Auch diese Studie kann wegen des Teilnehmerschwunds keine letzte Antwort geben; sie erinnert aber daran, Kausalität nicht aus guten Absichten abzuleiten.

Selbst bei der deutlich breiter untersuchten kognitiven Verhaltenstherapie sind die durchschnittlichen Vorteile für Schmerz, Beeinträchtigung und seelische Belastung laut einer Cochrane-Übersicht klein oder sehr klein. Das entwertet psychologische Verfahren nicht. Bei einer chronischen Erkrankung können begrenzte Verbesserungen im Alltag bedeutsam sein. Es setzt ihre Versprechen nur ins richtige Maß. Die redliche Bilanz lautet deshalb: Selbstmitgefühl ist ein plausibler und vielversprechender Bestandteil einer umfassenden Schmerzbehandlung. Gut belegt ist sein Zusammenhang mit geringerer psychischer Belastung. Kontrollierte Studien sprechen für mögliche Verbesserungen bei Schmerzbeeinträchtigung, Akzeptanz und Angst. Noch nicht ausreichend geklärt ist, wie groß der eigenständige Effekt ausfällt, wodurch er entsteht, bei wem er anhält und wie viel davon tatsächlich auf das Selbstmitgefühl selbst zurückgeht. Für das Etikett „Geheimwaffe“ reicht das nicht.

Die Unterbrechung des inneren Verfahrens

Menschen mit chronischen Schmerzen hören oft widersprüchliche Botschaften: Schonen Sie sich. Bewegen Sie sich. Hören Sie auf Ihren Körper. Konzentrieren Sie sich nicht so sehr darauf. Die Befunde seien unauffällig. Die Beschwerden seien trotzdem real. Zu dieser medizinischen Mehrdeutigkeit kommt die soziale Prüfung: Sieht man es? Ist es schlimm genug? Hat die Person wirklich alles versucht? Irgendwann kann der fremde Zweifel nach innen wandern. Betroffene beginnen, ihre eigene Erfahrung zu verhören. Sie liefern Beweise, relativieren Beschwerden und entschuldigen sich für Grenzen, bevor jemand sie kritisiert hat. Selbstmitgefühl erfüllt hier eine Funktion, die mit Nettigkeit wenig zu tun hat: Es beendet die Pflicht, sich vor sich selbst fortwährend als glaubwürdiger Patient auszuweisen.


Das darf nicht zur Privatisierung eines gesellschaftlichen Problems führen. Schlechte Versorgung, lange Wartezeiten, starre Arbeitsbedingungen und Stigmatisierung verschwinden nicht, weil ein Mensch freundlicher mit sich spricht. In einer Untersuchung mit 519 Patientinnen und Patienten nahm das Selbstmitgefühl während eines interdisziplinären, auf Akzeptanz- und Commitment-Therapie beruhenden Schmerzprogramms nur geringfügig zu; die erlebte Stigmatisierung veränderte sich nicht signifikant. Selbstmitgefühl schwächte deren Zusammenhang mit den Schmerzfolgen ebenfalls nicht verlässlich ab, sobald psychologische Flexibilität berücksichtigt wurde. Eine Umgebung, die fortwährend verletzt, lässt sich nicht vollständig nach innen wegregulieren. Persönliche Praxis braucht ein Gegenstück: glaubwürdige medizinische Kommunikation, angemessene Unterstützung, erreichbare Therapie und soziale Bedingungen, unter denen Krankheit nicht als mangelnde Moral behandelt wird.


Ausprobieren lässt sich Selbstmitgefühl dennoch, ohne an Mantras zu glauben – am besten zunächst in einem mäßig schwierigen Moment, nicht erst auf dem Gipfel einer Schmerzkrise. Der erste Schritt besteht darin, den Befund von der Beschimpfung zu trennen: „Der Schmerz zieht heute vom unteren Rücken ins Bein, beim Aufstehen wird er stärker, und ich werde gerade ängstlich.“ Darin stehen Körperempfindung, Situation und Gefühl. „Ich bin schwach“ wäre bereits das Urteil. Anschließend kann die Anklage vertagt werden: „Schmerz erschwert gerade mein Denken und Handeln. Ich muss daraus keine Aussage über meinen Charakter machen.“ Wer mit Wärme wenig anfangen kann, braucht sie nicht zu simulieren. Präzision ist ein guter Anfang des Mitgefühls.


Dann folgt die einzige Frage, die praktisch zählt: „Was vermindert in den kommenden 30 Minuten unnötiges Leiden, ohne mir morgen wahrscheinlich zu schaden?“ Die Antwort kann Bewegung im ärztlich oder therapeutisch vereinbarten Rahmen sein, ebenso Ruhe, Wärme oder Kälte, eine Mahlzeit, ein Anruf, ein Medikament nach ärztlichem Plan oder die Absage einer Verpflichtung. Bei chronischen Schmerzen gibt es keine universell richtige Aktivitätsdosis. Diagnose, individuelle Belastungssteuerung und fachliche Begleitung bleiben entscheidend. Danach lässt sich prüfen, was sich verändert hat. Vielleicht ist die Schmerzstärke gleich geblieben, aber die innere Bedrohung geringer. Vielleicht wird eine vernünftige Entscheidung möglich. Das ist kein Scheitern. Wer Selbstmitgefühl ausschließlich danach bewertet, ob es den Schmerz senkt, macht daraus nur die nächste Prüfung, die ein leidender Mensch bestehen soll.

Manchen Menschen bereitet eine freundliche Selbstansprache Unbehagen. Zuwendung kann Misstrauen oder Scham auslösen, wenn sie früher unsicher oder an Bedingungen geknüpft war. Dann ist ein neutraler Ton sinnvoller als erzwungene Herzlichkeit; bei starker seelischer Belastung kann psychotherapeutische Begleitung helfen, einen passenden Zugang zu finden. Selbstmitgefühl ersetzt weder Diagnostik noch eine fachlich abgestimmte Behandlung. Neue, ungewöhnlich starke oder rasch zunehmende Schmerzen sowie neue neurologische Symptome gehören ärztlich abgeklärt. Eine psychologische Strategie darf nie dazu dienen, Warnzeichen höflich zu übergehen.


Der Termin um 7:18 Uhr bleibt vielleicht abgesagt. Der Schmerz ist auch nicht plötzlich verschwunden. Nur das Verfahren gegen die Person, die ihn spürt, muss nicht eröffnet werden.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung.

Quellen und weiterführende Literatur:

International Association for the Study of Pain: IASP Terminology – Pain, überarbeitete Definition von 2020.

Baxter, R.; Sirois, F. M.: Self-compassion and psychological distress in chronic illness: A meta-analysis. British Journal of Health Psychology, 2025, 30, e12761.

Lanzaro, C.; Carvalho, S. A.; Lapa, T. A.; Valentim, A.; Gago, B.: A Systematic Review of Self-Compassion in Chronic Pain: From Correlation to Efficacy. The Spanish Journal of Psychology, 2021, 24, e26.

Torrijos-Zarcero, M. et al.: Mindful Self-Compassion program for chronic pain patients: A randomized controlled trial. European Journal of Pain, 2021, 25, 930–944.

Buhrman, M. et al.: Psychological Treatment Targeting Acceptance and Compassion in Chronic Pain Patients: A Randomized Controlled, Internet-Delivered Treatment Trial. The Clinical Journal of Pain, 2023, 39(12), 672–685.

Anderson, M.; McCracken, L. M.; Scott, W.: An investigation of the associations between stigma, self-compassion, and pain outcomes during treatment based on Acceptance and Commitment Therapy for chronic pain. Frontiers in Psychology, 2024, 15, 1322723.

Widdrington, H. et al.: Illness perceptions and compassion are important psychological processes involved in distress in chronic pain: A longitudinal study. Behaviour Research and Therapy, 2026, 196, 104922.

Williams, A. C. de C. et al.: Psychological therapies for the management of chronic pain (excluding headache) in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2020, Issue 8, CD007407.




Quellen und weiterführende Literatur

International Association for the Study of Pain: Terminologie und Definition von Schmerz

Lanzaro et al. (2021): A Systematic Review of Self-Compassion in Chronic Pain

Torrijos-Zarcero et al. (2021): Mindful Self-Compassion Program for Chronic Pain Patients

Buhrman et al. (2023): Psychological Treatment Targeting Acceptance and Compassion in Patients With Chronic Pain

Baxter und Sirois (2025): Self-Compassion and Psychological Distress in Chronic Illness

Widdrington et al. (2026): Illness Perceptions and Compassion in Chronic Pain

Anderson et al. (2024): Stigma, Self-Compassion and Chronic Pain Outcomes

Cochrane (2020): Psychological Therapies for Chronic Pain in Adults


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